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KAPITEL · 7

01Die Band in ihren Anfangsjahren02Die beiden Rheinufer und Europa im Wandel03Neue Horizonte für die dunkle Musik04Das Cover: Dem Drachen gegenüber05Siegfrieds Weg zum Drachenblut06Verrat, Blut und der Rhein07Das Echo und Vermächtnis von Drachenblut

Mystic Circle — Drachenblut

ENHU
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MYSTIC CIRCLE · 1998 · LITERARISCHE ALBUMGESCHICHTE

Drachenblut – Die Chronik des Drachenbluts

Erschienen: 1998
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Vollständige siebenteilige deutsche literarische und historische Aufarbeitung von Mystic Circle – Drachenblut (1998), mit gesonderter Coveranalyse im vierten Kapitel.

Mystic Circle – Drachenblut (1998), originales Albumcover.
Zur Coveranalyse ↓
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Die Band in ihren Anfangsjahren

Irgendwann zu Beginn der neunziger Jahre, lange bevor der Name Mystic Circle von Begeisterung, Spott, Streit und Legenden umgeben war, versuchten zunächst nur einige junge Leute, in ihrer eigenen Dunkelheit einen Sinn zu finden. Beelzebub erinnerte sich Jahre später an diese Zeit: Mit fünfzehn habe er viel getrunken und sich in einem schlechten Zustand befunden, bis sich ihm plötzlich die Möglichkeit einer Band eröffnete. Proberäume, andere Underground-Gruppen, gemeinsames Musizieren, das Gefühl, dass es in dieser verworrenen Welt vielleicht doch etwas geben könnte, wozu man berufen war. Aus diesem Umfeld entstand Mystic Circle Ende 1992.

Für Beelzebub war Metal keine neue Entdeckung. Schon als Kind hatte er diese Musik gehört; die Klassiker von AC/DC und Iron Maiden waren ihm ebenso geblieben wie die dunkleren, gefährlicheren Klänge der achtziger Jahre. Von Anfang an suchte die Band nach der dunklen Seite der Seele. Auch wenn sich die Besetzung von Zeit zu Zeit änderte, verschwand dieser Hintergrund nach Aussage des Gründungsmitglieds nie. Mystic Circle hielt nicht an einer einzigen Klangformel fest, sondern an dem Empfinden, Musik müsse eine düstere, extreme und bildhafte Welt erschließen.

Zur Zeit von Morgenröte erzählte diese Welt noch andere Geschichten. Vampire, dunkle Romantik, Motive, die das Black-Metal-Publikum kannte, liebte oder auch verspottete. Die Band selbst bezeichnete diese Phase später als Grundlage: Von dort aus begann eine Entwicklung, in der jede neue Veröffentlichung größer, intensiver und technisch anspruchsvoller werden sollte. Doch schon damals entstand um Mystic Circle jene seltsame Situation, die später beinahe untrennbar mit ihrem Namen verbunden war. Die einen verehrten sie, andere hielten sie für eine Band voller Klischees; zwischen diesen Extremen schien kaum Platz zu bleiben.

Hinter dem Namen Mystic Circle stand anfangs noch nicht jene unverwechselbare, weit ausgreifende Keyboardwelt, die Drachenblut später offenbarte. Die mit Ludwigshafen verbundenen Anfänge von 1992 wurden durch die gemeinsame Arbeit von Beelzebub und Aaarrrgon geprägt. Die ersten Versuche lagen dem roheren Death Metal deutlich näher; Banddatenbanken erwähnen sogar eine unveröffentlichte Probeaufnahme aus dem Jahr 1992. Im folgenden Jahr kam die Zusammenarbeit vorübergehend ins Stocken, wurde aber 1994 in neuer Besetzung fortgeführt. Diesen frühen Bruch und Neubeginn sollte man sich nicht als eine einzige dramatische biografische Wendung vorstellen: Öffentliche Quellen halten die Tatsache fest, nicht die persönlichen Gründe der Trennung.

Die erhaltenen Demos zeigen bereits die Suche nach einer musikalischen Richtung. Dark Passion wird dem Januar 1994 zugeordnet; seine vier Stücke wurden im Soundbunker Studio in Ludwigshafen aufgenommen und gemischt. Zu den damals dokumentierten Mitwirkenden gehörten Beelzebub, Aaarrrgon und der Gitarrist Mephisto, der in den Credits der Veröffentlichung als Mark Foltz genannt wird. Titel wie Satan’s Son und Eternal Winter fügen sich noch nicht zu einer groß angelegten, durchgehenden Erzählung zusammen. Sie zeigen vielmehr eine Band im Werden, die ihren eigenen Klang sucht. Angaben zu Studio und Beteiligten sind überprüfbar; darüber, was im Proberaum oder in den Pausen zwischen den Aufnahmen gesagt wurde, gibt es dagegen keinen verlässlichen Bericht.

Auf der nächsten Stufe erhielten die beiden Gitarren und das Keyboard deutlicher voneinander abgegrenzte Aufgaben. Die bekannten Credits des Demos Von Kriegern und Helden von 1995 nennen Beelzebub und Aaarrrgon sowie das Gitarrenspiel von Agamidion und Mephisto und die Keyboardbeiträge des Letzteren. In Veröffentlichungsdatenbanken taucht auch eine Promotape-Kassette von 1995 auf; es wäre jedoch falsch, sie als ein nach allen Quellen eigenständiges, vollwertiges viertes Demo zu behandeln. Die wichtigste, eindeutig nachvollziehbare Demoreihe führt von Dark Passion über Von Kriegern und Helden zu Die Götter der Urväter. Letzteres rückte 1996 bereits mit Titel und Atmosphäre näher an die germanische Sagenwelt heran. Einzelne Bilder dessen, was auf Drachenblut zu einer vollständigen Geschichte wird, blitzten schon in den Vorläufern auf.

Nach den Kassetten wandte sich die Band klein aufgelegten physischen Veröffentlichungen zu. Die 1996 erschienene Siebenzoll-Single Kriegsgötter – Der Weg nach Walhall mit ihren zwei Liedern ist ein besonders aussagekräftiger Meilenstein: Die Zusammenstellung von Von Kriegern und Helden und Die Götter der Urväter verwies nicht länger bloß auf eine Bildwelt des Horrors oder des Satanischen. Krieger, Ahnen und der Name Walhall gingen in jene dunkle Metalsprache ein, aus der später die Nibelungengeschichte erwachsen konnte. Zum folgenden Jahr gehörte auch die gemeinsame Veröffentlichung Schwarze Magie mit der Band Blood; das erste Album erschien bei Last Episode. Damals standen noch mehrere Wege offen, und die mythische Erzählung von Drachenblut war keineswegs eine von vornherein feststehende Fortsetzung.

Schon die Daten rund um die Veröffentlichung von Morgenröte – Der Schrei nach Finsternis zeigen, wie vorsichtig spätere Diskografien gelesen werden müssen. Eine detaillierte Erfassung der frühen Vinyl-Ausgabe nennt Dezember 1996, während ein Eintrag zur CD-Fassung das Jahr 1997 angibt. Beides muss sich nicht widersprechen, denn es kann sich um unterschiedliche Tonträger und Ausgaben handeln. Die Aufnahmen entstanden im September und Oktober 1996 im Soundbunker Studio; als Ort des Masterings erscheint bereits das Commusication Studio. Mephisto spielte Keyboard, Agamidion war ebenfalls an den Gitarren beteiligt. Deshalb ist das Album als Vorläufer bedeutsamer, als die schlichte Bezeichnung „Debütalbum“ erkennen lässt: Die alte Besetzung ist darauf noch zu hören, während die Studioverbindung, die zum späteren Klang führen sollte, bereits bestand.

Vor Drachenblut veränderte sich die instrumentale Zusammensetzung der Gruppe. Agamidion und Mephisto verließen die frühere Besetzung; zu den später dokumentierten Musikern gehören Isternos und Ezpharess an den Gitarren sowie Baalsulgorr an den Keyboards. Aaarrrgon blieb am Schlagzeug, Beelzebub an Bass und Mikrofon. Kontinuität und Wandel bestanden nebeneinander: Das Gründerduo bewahrte die Richtung der Band, doch das Album über den Drachen, Siegfried und Hagen wurde von einer anderen Instrumentalbesetzung vollendet als jener, die Morgenröte eingespielt hatte. Dieser Wechsel beweist für sich genommen nicht, dass jede musikalische Idee von einem neuen Mitglied stammte; für eine so genaue Aufteilung der Autorenschaft wären unmittelbare zeitgenössische Aussagen oder Arbeitsunterlagen nötig.

Als Anfang 1998 im Commusication Studios die Aufnahmen zu Drachenblut begannen, trafen die Erfahrungen aus den früheren Demos und dem ersten Album auf die neue Besetzung. Gerhard Magin nahm das Album auf, mischte und masterte es. Die zuvor voneinander unabhängigen Motive dienten diesmal einem vorab festgelegten sagenhaften Handlungsbogen. Der durchgehend erzählerische Charakter und die tragischen Beziehungen zwischen den Figuren sind im früheren Roman bereits untersucht worden; die Bandgeschichte fügt hier lediglich die Stationen hinzu, die dorthin führten. Drachenblut war keine Wendung aus dem Nichts, sondern der Verdichtungspunkt eines halben Jahrzehnts voller Demoaufnahmen, Besetzungswechsel, Erfahrungen mit Plattenfirmen und allmählicher Veränderungen der Arrangements.

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Die beiden Rheinufer und Europa im Wandel

Die Stadt, in der die Band ihren Anfang nahm

Als Mystic Circle Ende 1992 entstand, war der Kalte Krieg bereits Geschichte, doch das aus ihm hervorgehende neue Europa hatte seine eigene Ordnung noch kaum gefunden. Sowohl Musikdatenbanken als auch die Bandbiografie von Eduardo Rivadavia nennen Ludwigshafen am Rhein als geografischen Ausgangspunkt der Gruppe. Das ist der gesicherte Anhaltspunkt, von dem aus wir uns der Welt ihrer Anfänge nähern können. Was wir dagegen nicht durch Dokumente belegen können, ist, in welchem Stadtteil die Musiker wohnten, in welcher Straße sich ihr früher Proberaum befand oder was sie auf dem Heimweg nach einer Probe sahen. Diese beiden Arten des Wissens – die belegte Stadt und die unbekannten persönlichen Wege – miteinander zu vermengen, wäre unredlich.

Die Erwähnung von Proberäumen ist dennoch wichtig. Nicht, weil wir uns nun einen tatsächlich nachgewiesenen Keller mit bestimmten Instrumenten und nächtlichen Gesprächen ausmalen dürften. Sondern weil sie für die alltägliche Infrastruktur jener Zeit stehen: für die Möglichkeit junger Menschen, sich zu treffen, für die Suche nach einem Ort zum Musizieren und für die Einteilung von Zeit und Geld. Das Ludwigshafen, in dem sich die Gruppe gründete, war keine abgeschiedene ländliche Welt, sondern eine Stadt, die von industriellen, wirtschaftlichen und verkehrlichen Verbindungen durchzogen war. Über die tatsächliche unmittelbare Proberaumumgebung der Band liegt keine verlässliche Ortsbeschreibung vor; wir können deshalb nicht über ihre eigenen vier Wände sprechen, als wären wir dort gewesen. Der gesellschaftliche Rahmen, den die Stadt bot, lässt sich hingegen rekonstruieren.

Das am linken Rheinufer gelegene Ludwigshafen war seit mehr als einem Jahrhundert von der chemischen Industrie geprägt. Die Präsenz der BASF bedeutete weit mehr als eine große Fabrik auf der Landkarte: Beschäftigte, Auszubildende, Schichtarbeit, Zulieferer, Gütertransporte und die wirtschaftliche Existenz ganzer Familien waren mit diesem Industriezentrum verbunden. Gegenüber, am rechten Flussufer, lag bereits Mannheim in Baden-Württemberg. Weder die Stadt- noch die Landesgrenze bildeten eine abgeschlossene Welt: Im alltäglichen Verkehr, auf dem Arbeitsmarkt und beim Kulturangebot gehörten Ludwigshafen und Mannheim gleichermaßen zum Rhein-Neckar-Raum.

Für junge Menschen konnte all dies zugleich Chancen und Grenzen bedeuten. Wir wissen nicht, welche Arbeitsstellen, Ausbildungen oder familiären Lebensumstände die einzelnen Mitglieder von Mystic Circle in jener Zeit hatten. Die regionale Industriewirtschaft ist dennoch wichtig, weil sie zeigt, in welches Umfeld eine junge Underground-Band hineinkam: nicht in eine Landschaft jenseits von Wirtschaft und Geschichte, die ausschließlich aus düsteren Legenden bestand, sondern mitten in die sehr konkrete Welt des Erwachsenwerdens, der Berufsausbildung, des Lebensunterhalts und der Freizeit. Von hier aus begann jene gedankliche Bewegung, die später in einer Geschichte von Burgen, Drachen und Königen Gestalt annahm. Das ist eine historische Parallele und kein von den Mitgliedern bestätigter künstlerischer Beweggrund.

Ludwigshafens Alltag Ende der neunziger Jahre

Zu den aufschlussreichsten Dokumenten dieser Zeit zählt der Geschäftsbericht der BASF für 1997. Darin berichtete das Unternehmen, dass im Herbst jenes Jahres 813 junge Menschen am Standort Ludwigshafen eine Ausbildung begannen. Derselbe Bericht sprach davon, die Beschäftigungsstruktur verändern zu wollen und bis Ende 2000 einen Personalstand von 39.000 bis 41.000 Beschäftigten – ohne Auszubildende – anzustreben; die Veränderung der Belegschaft sollte unter anderem durch Altersteilzeit bewältigt werden. Auf der einen Seite eröffneten sich also neue Ausbildungsmöglichkeiten, auf der anderen wurde bereits die Notwendigkeit von Kostenanpassungen und strukturellem Wandel spürbar. Das beweist nicht, dass irgendein Musiker bei BASF beschäftigt war; es zeigt, welches Gewicht der Berufseinstieg und der industrielle Wandel in dieser Region hatten.

Der Unternehmensbericht des Folgejahres zeichnet ein noch differenzierteres Bild. Laut dem BASF-Bericht für 1998 verlief die erste Jahreshälfte günstig, während in der zweiten Hälfte die Nachfrage nachließ und die Preise infolge der Krisen in Asien, Russland und Südamerika sanken. Der Standort Ludwigshafen war Teil eines weltweiten Marktnetzes: Finanzielle Erschütterungen auf fernen Kontinenten wurden damit auch in der Wirtschaft am Rhein spürbar. Diese betriebliche Verbindung zu den globalen Entwicklungen ist durch ein zeitgenössisches Dokument belegt; zu persönlichen Auswirkungen auf die Band liegen hingegen keine Angaben vor.

In denselben Jahren befand sich auch die alltägliche Medienwelt im Übergang. Jugendliche lebten nicht mit einem unbegrenzten Musikangebot, das jederzeit über ein Telefon abrufbar war. Der deutschen JIM-Studie von 1998 zufolge waren Fernsehen, CDs und Kassetten sowie Radio die am häufigsten genutzten Medien bei den 12- bis 19-Jährigen: 95 Prozent der Befragten sahen mehrmals wöchentlich fern, 94 Prozent nutzten Tonträger und 85 Prozent hörten Radio. Das sind bundesweite Werte für Jugendliche, keine Messergebnisse über das Publikum von Mystic Circle. Sie verdeutlichen jedoch, dass man sich 1998 nicht mit der heutigen Selbstverständlichkeit digitaler Medien vorstellen darf: Den Rhythmus des Konsums von Musik, Bildern und Nachrichten bestimmten noch überwiegend greifbare Gegenstände und der klassische Rundfunk.

Das Internet zeichnete sich bereits am Horizont ab, beherrschte den Alltag aber noch nicht. Eine ARD-Erhebung von 1997 stellte bei 6,5 Prozent der Bevölkerung über vierzehn Jahren eine Online-Nutzung fest. In der im Frühjahr 1998 durchgeführten ARD/ZDF-Studie stieg dieser Anteil auf 10,4 Prozent. Die Grenzen, die Modem, Computer, Telefonkosten und Zugangsmöglichkeiten setzten, waren deshalb mindestens ebenso wichtig wie die neue Technologie selbst. Die Bands der späten neunziger Jahre standen an der Schwelle zu einer sich wandelnden Öffentlichkeit: Das Web verbreitete sich, doch die Welt war noch nicht mit einem einzigen Klick verfügbar. Wie häufig die Mitglieder von Mystic Circle das Internet nutzten, wissen wir nicht; die Erhebungen beschreiben die allgemeinen Medienverhältnisse jener Zeit.

Der soziale und kulturelle Raum der Stadt erschöpfte sich keineswegs in ihren Fabriken. Im Umfeld des Ludwigshafener „Haus der Jugend“ wurde bereits 1989 ein Verein zur Förderung von Jugend- und Kulturaktivitäten tätig: der Förderverein Haus der Jugend. Sein dokumentiertes Ziel bestand darin, eigene soziale und kulturelle Aktivitäten junger Menschen zu unterstützen. Das Beispiel zeigt, dass es auch in der Industriestadt eine institutionalisierte jugendkulturelle Infrastruktur gab. Keine der für diese Darstellung bisher überprüften Quellen behauptet jedoch, Mystic Circle hätten dort geprobt, seien dort aufgetreten oder hätten diesen Ort besucht. Die historische Existenz einer Einrichtung ist kein Nachweis für eine persönliche Verbindung der Band zu ihr.

Der weitere Raum: Rhein, Mannheim, Frankenthal und Beindersheim

Ludwigshafens Geografie endet nicht an der Verwaltungsgrenze. Jenseits des Rheins lag Mannheim als Handels-, Kultur- und Industriezentrum; weiter entfernt zeichneten Heidelberg, die Orte der linksrheinischen Pfalz, die Umgebung von Frankenthal und die Verkehrswege zwischen den Flüssen die Region nach. Ein greifbares historisches Zeichen dieser Verbindungen ist die Gründung des Verkehrsverbunds Rhein-Neckar im Jahr 1989, der die Koordination des öffentlichen Nahverkehrs und ein gemeinsames Tarifsystem ermöglichen sollte. Die Mannheimer stadtgeschichtliche Chronologie hält diesen Zeitpunkt ausdrücklich fest. Reisen, Pendeln und die Bewegung zwischen Gemeinden sind daher keine erst nachträglich entstandenen Erscheinungen: Bereits zu den Anfängen von Mystic Circle gab es in der Region eine organisierte Zusammenarbeit im Verkehrswesen. Welche Linien oder Strecken die Musiker selbst nutzten, wissen wir damit allerdings noch nicht.

Innerhalb dieses geografischen Gefüges war Beindersheim nicht der Gründungsort der Band, sondern laut der ursprünglichen Erzählung der Schauplatz der Studioarbeit im Februar und März 1998: die Gemeinde, in der sich die Commusication Studios befanden. Dieser Unterschied darf nicht verloren gehen. Die gemeindeeigene Website zur Ortsgeschichte verortet Beindersheim in der Oberrheinischen Tiefebene zwischen dem Rhein und dem Haardtgebirge. Historisch war es eine landwirtschaftlich geprägte Gemeinde, die sich seit den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts zunehmend zu einem Wohnort entwickelte. 1969 wurde sie dem damaligen Landkreis Ludwigshafen zugeordnet; 1972 wurde sie Mitglied der Verbandsgemeinde mit Sitz in Heßheim. Dieses Umfeld unterschied sich deutlich von der Industriestadt Ludwigshafen: hinsichtlich der Größenordnung, des Straßenbilds und der Funktion des Ortes.

Besonders wichtig ist, aus dem Aufnahmeort nicht rückblickend eine unbelegte Lebensgeschichte zu konstruieren. Laut der bereits fertiggestellten Erzählung lässt sich die Studioarbeit der Band von 1998 mit Beindersheim verbinden; daraus folgt aber nicht, dass die Mitglieder dort wohnten, zur Schule gingen oder Mystic Circle dort gründeten. Die Geschichte der örtlichen Landschaft bildet hier den geografischen Rahmen der Aufnahme und keine persönliche biografische Aussage. Das Flachland, die nahe gelegenen Industriestädte, die günstigen Voraussetzungen zum Pendeln und die landwirtschaftliche Vergangenheit machen gemeinsam begreiflich, wie verschiedene Lebenswelten westlich des Rheins aufeinandertrafen.

Die Pfalz und der Rhein-Neckar-Raum waren keine einheitliche Postkartenlandschaft. Sie bestanden aus Industriestandorten und Dörfern, historischen Innenstädten und Fabrikgeländen, landwirtschaftlichen Flächen und dichten Verkehrsnetzen. Die mittelalterliche und germanische Sagenwelt, der sich Drachenblut später zuwandte, war keine buchstäbliche Fortsetzung der Ortsgeschichte der neunziger Jahre. Vielmehr trennte eine große historische Distanz die tatsächliche Entstehungslandschaft des Werks von der Welt, die das Album heraufbeschwor. Gerade deshalb ist der Übergang zwischen beiden interessant: Moderne Menschen verwandelten die Sage unter modernen Industrie- und Medienbedingungen in Musik, nicht in einer mittelalterlichen Umgebung.

Das Rheinland, Rheinland-Pfalz: Ein Bundesland in seinem eigenen Rhythmus

Die engere Heimat der Band war Rheinland-Pfalz, jenes deutsche Bundesland, das nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 1946 geschaffen wurde. Die Beindersheimer Ortsgeschichte bewahrt dieses Datum zusammen mit der Neuordnung der lokalen Verwaltung. Die Region verband somit alte pfälzische und rheinische Siedlungstraditionen mit einem wesentlich jüngeren System landespolitischer Institutionen. Das damalige örtliche Leben wurde nicht aus einer einzigen Großstadt heraus gesteuert; die Verflechtungen verliefen zwischen Gemeinden, Landkreisen, Industriezentren und Landespolitik.

Nach der Landtagswahl vom 24. März 1996 konnte die von Kurt Beck geführte SPD-FDP-Koalition weiterregieren. Den amtlichen Wahlergebnissen zufolge entfielen von den Listenstimmen 39,8 Prozent auf die SPD, 38,7 Prozent auf die CDU, 8,9 Prozent auf die FDP und 6,9 Prozent auf die Grünen. Bundestagswahlen überdecken häufig, dass die Landespolitik bereits vor Drachenblut durch ihre eigenen Bündnisse und Kompromisse geprägt war. Industrielle Beschäftigung, Ausbildungsplätze und die Infrastruktur zwischen Gemeinden waren in solchen Regionen sehr konkrete Fragen. Welche Parteien die Bandmitglieder bevorzugten oder wie sie diese Wahlergebnisse einschätzten, ist nicht bekannt; die politischen Zahlen gehören zum historischen Zeitbild.

Der Wandel der Beschäftigung zeigte sich ganz konkret. Der BASF-Bericht von 1997 behandelt sowohl die Förderung der Ausbildung junger Menschen als auch strukturelle Veränderungen der Personalstärke. Aus solchen Berichten lässt sich nicht das ganze Leben auch nur einer Arbeiterfamilie herauslesen; dennoch sind sie wichtig: Sie zeigen, welche Einrichtungen, Arbeitsplätze und Möglichkeiten der Epoche ihre materielle Wirklichkeit verliehen. Die späten neunziger Jahre waren somit nicht nur eine Zeit neuer Musik und alter Heldengeschichten, sondern auch eine Phase fortwährender Anpassung der örtlichen Wirtschaft.

Deutschland: Nach der Einheit, vor und nach dem Regierungswechsel

Die Gründung von Mystic Circle im Jahr 1992 lag lediglich zwei Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung vom 3. Oktober 1990. Das Land hatte damals keineswegs überall dieselbe wirtschaftliche und gesellschaftliche Realität. In den ehemaligen ostdeutschen Ländern ging der wirtschaftliche Umbau mit dem massenhaften Wegfall bisheriger Arbeitsplätze, Privatisierung, Arbeitslosigkeit und einer Erschütterung sozialer Sicherheiten einher; im Westen herrschten andere historische Voraussetzungen, Arbeitsmarktstrukturen und wirtschaftliche Möglichkeiten. Als westdeutsche Industriestadt am Rhein lässt sich Ludwigshafen nicht mit der gesamten ostdeutschen Transformation gleichsetzen, gehörte aber zu demselben Land, das die gesellschaftlichen und haushaltspolitischen Folgen der Einheit bewältigen musste.

Laut amtlicher deutscher Statistik betrug die durchschnittliche Zahl der registrierten Arbeitslosen 1997 genau 4.384.456 und 1998 genau 4.280.630; die veröffentlichten Jahresarbeitslosenquoten lagen bei 12,7 beziehungsweise 12,3 Prozent, jeweils nach der Bezugsgröße der betreffenden statistischen Reihe. Es handelt sich um bundesweite Kennzahlen, nicht um lokale Daten für Ludwigshafen; sie beweisen auch nicht, dass irgendeiner der Musiker arbeitslos war. Sie verdeutlichen vielmehr, dass Deutschland Ende der neunziger Jahre für die Pläne junger Menschen keinen wirtschaftlich sorgenfreien Hintergrund bot. Neben Freizeitinteressen und künstlerischen Ambitionen standen für viele Fragen des Lebensunterhalts und der Arbeitssuche im Mittelpunkt des Alltags.

Während das Land mit den Folgen der Wiedervereinigung rang, erreichte auch die Bundespolitik einen Wendepunkt. Bei der Bundestagswahl am 27. September 1998 wurden die Sozialdemokraten mit 40,9 Prozent der Zweitstimmen stärkste Partei; infolge der Wahl endete die lange Kanzlerschaft Helmut Kohls und die Zeit der von Gerhard Schröder geführten SPD-Grünen-Koalition begann. Das Ergebnis gehört zum politischen Umfeld des Jahresendes; man darf es nicht so darstellen, als hätte es notwendigerweise vor der Veröffentlichung von Drachenblut gelegen oder diese beeinflusst, zumal das genaue Erscheinungsdatum hier nicht erneut untersucht wurde.

In Deutschland steckten 1998 noch D-Mark in den Geldbörsen. Die Einführung des Euro im unbaren Zahlungsverkehr erfolgte am 1. Januar 1999, Euro-Bargeld kam erst Anfang 2002 hinzu. Dieser Unterschied ist keine bloße Spielerei mit Daten: Wenn wir uns Preise, Einstiegsgehälter, Konzertkarten oder Tonträger der späten neunziger Jahre vorstellen wollen, dürfen wir sie nicht so beschreiben, als hätte bereits der heutige Euro-Alltag geherrscht. Konkrete Rechnungen für Proberaummieten, Reisekosten oder Plattenkäufe von Mystic Circle aus dem Jahr 1998 sind uns nicht bekannt; deshalb lassen sich dafür keine belastbaren Beträge nennen.

Europa: Grenzen öffnen sich, alte Konflikte bestehen fort

In der ersten Hälfte der neunziger Jahre bildete Westeuropa neue institutionelle Verbindungen aus. Der Vertrag von Maastricht, mit dem die Europäische Union gegründet wurde, trat am 1. November 1993 in Kraft; der Binnenmarkt war bereits im Januar desselben Jahres gestartet. 1995 traten Österreich, Finnland und Schweden der Union bei, und das Schengen-System begann in sieben Ländern – darunter Deutschland –, die Kontrollen an den Binnengrenzen abzuschaffen. 1997 wurde der Vertrag von Amsterdam unterzeichnet, und 1998 bereitete man sich bereits auf die Einführung des Euro 1999 vor. Diese Entwicklungen eröffneten auf dem Kontinent neue Perspektiven für Handel, Beschäftigung und Reisen, auch wenn ihre Auswirkungen nicht in allen Ländern und gesellschaftlichen Gruppen gleich waren.

Neben dieser Öffnung zeigte der Zerfall des südslawischen Staates jedoch ein anderes Gesicht Europas. Der Zerfall Jugoslawiens begann 1991; der Bosnienkrieg und die übrigen Konflikte hinterließen die schwere Erinnerung an Gewalt innerhalb des Kontinents, Flucht und ethnischen Nationalismus. Ein institutioneller Rückblick der Europäischen Union auf ihre Geschichte zählt diese Kriege zu den prägenden Ereignissen der Epoche. Als Drachenblut 1998 alte germanische Heldensagen musikalisch gestaltete, war das tatsächliche europäische Umfeld dieser Erzählkunst keineswegs frei von Konflikten. Damit werden die sagenhaften Kriege des Albums nicht zu einer zeitgenössischen politischen Allegorie: Für eine derart eindeutige künstlerische Absicht liegt in den herangezogenen Belegen kein Nachweis vor.

Die politische und wirtschaftliche Integration des Kontinents wirkte sich auf die westlichen Industriegebiete, die gerade umgestalteten Staaten Mittel- und Osteuropas und den kriegsgezeichneten Balkan unterschiedlich aus. Das regionale Umfeld einer Band aus der deutschen Pfalz kann deshalb nicht als allgemeiner europäischer Durchschnitt gelten. Geografisch nah war den Musikern das Netz der Städte entlang des Rheins; das umfassendere Geschichtsbild der neunziger Jahre zeigt dagegen einen Kontinent, der offener wurde und zugleich tief gespalten blieb. Aus dieser Welt wandte sich Drachenblut einer viel älteren, tragischen Sage zu.

Die Welt: Die Wirtschaft vernetzt sich, die Ruhe bleibt aus

Im Juli 1997 begann in Thailand eine Finanzkrise, die sich rasch auf andere Volkswirtschaften Südostasiens ausbreitete und 1998 weltweite Folgen hatte. Zeitgenössische Überblicksdarstellungen des Internationalen Währungsfonds behandeln die Krisen in Indonesien, Südkorea und weiteren Ländern sowie die späteren finanziellen Erschütterungen in Russland als Teile derselben unruhigen Wirtschaftsepoche. Auf den ersten Blick mag es überraschen, dass all dies in der Geschichte einer pfälzischen Industriestadt Platz hat. Doch der BASF-Bericht von 1998 verband die eigene Abschwächung im zweiten Halbjahr ausdrücklich mit den Krisen in Asien, Russland und Südamerika. An diesem Punkt ist die Beziehung zwischen einem weltweiten Ereignis und einem Wirtschaftsunternehmen in Ludwigshafen kein poetisches Bild, sondern ein dokumentierter geschäftlicher Zusammenhang.

Aus einer anderen Richtung brachte der Wandel der Kommunikation einen weltweiten Umbruch. Computernetzwerke begannen, den Zugang zu weit entfernten Informationen alltäglicher zu machen; dennoch war dieser Zugang noch keineswegs allgemein oder unbegrenzt. Die deutschen Online-Erhebungen von 1997 und 1998 dokumentieren genau diesen Übergangszustand. Informationen über Musik sowie die Vermittlung von Gesichtern und Bildern erhielten allmählich neue Kanäle, während die bisherigen physischen Tonträger, Zeitungen und elektronischen Medien bestimmend blieben. So war die Geschichte bei der Entstehung von Drachenblut zugleich alt und neu: Ihr Thema war jahrhundertealt, ihr Medium gehörte zur Musik- und Medienwelt der neunziger Jahre, und ihr weiterer wirtschaftlicher Horizont war bereits Teil einer globalisierten Welt im Entstehen.

Dieser historische Hintergrund behauptet nicht, Beelzebub und seine Mitmusiker hätten all diese Entwicklungen bewusst verarbeitet oder eine Wahl, ein Ausbildungsplatz, eine Umstrukturierung im Werk oder eine ferne Börsenkrise habe unmittelbar eine bestimmte Melodie auf Drachenblut hervorgebracht. Das ist auch gar nicht nötig. Es ist wichtig, Ludwigshafen, Beindersheim, die Rheinregion, Deutschlands Jahre nach der Wiedervereinigung und das Europa der neunziger Jahre kennenzulernen, weil das Album in einer tatsächlichen Zeit und Gesellschaft entstand. Die Helden bewegen sich zwar durch die sagenhafte Welt von Xanten, Worms und dem Rhein, doch die Arbeit der Musiker nahm in deutschen Landschaften des letzten Jahrzehnts des zwanzigsten Jahrhunderts Gestalt an. So wird die Entfernung zwischen der mittelalterlichen Erzählung und dem Werk von 1998 historisch greifbar – und gerade dadurch zeigt sich, welch weiten Weg Mystic Circle in der Vorstellung zurücklegte, als die Band von der Welt ihrer eigenen Zeit zur Geschichte des Drachenbluts aufbrach.

03 / 07

Neue Horizonte für die dunkle Musik

Am Rhein: Als sich die Proberäume zur Welt öffneten

Die mit Ludwigshafen verbundenen Anfänge von Mystic Circle fielen in eine Zeit, in der sich die europäische Extreme-Metal-Szene neu formierte. Die Band schloss sich nicht einfach einer einzigen nationalen Bewegung an, und sie erschuf ihre musikalische Sprache auch nicht aus dem Nichts. Bereits Anfang der neunziger Jahre gab es überall in Deutschland Death-, Thrash- und Black-Metal-Bands. Über diese Traditionen begegneten jüngere Gruppen den schnelleren, raueren und atmosphärischeren Ansätzen aus der skandinavischen Szene. Anfangs war der neue Stil nicht scharf von den älteren Genres abgegrenzt: Die einzelnen Musiker übernahmen Gesangsstile, Gitarrenspiel und Bühnenbilder des vorangegangenen Jahrzehnts mit unterschiedlichen Schwerpunkten. In diesem Übergangsraum sollte man die frühe dunkle Metalwelt der Band verorten.

Bei der Rekonstruktion des lokalen Umfelds gibt es allerdings eine wichtige Grenze. Wir kennen die Ausgangsstadt der Band und den Aufnahmeort Beindersheim, wo Drachenblut im Februar und März 1998 entstand. Es liegt jedoch kein überprüftes zeitgenössisches Verzeichnis vor, aus dem genau hervorginge, in welchen Proberäumen, in welchen Clubs und wie regelmäßig sie auftraten. In einem Interview aus dem Jahr 1999 verortete Stefan, genannt Ezpharess, der damals bereits Gitarre in der Band spielte, sein eigenes Umfeld in der Gegend von Worms und Ludwigshafen. Das ist nicht gleichbedeutend mit der Behauptung, sämtliche Mitglieder hätten dort gewohnt oder seien persönlich mit bestimmten Veranstaltungsorten in diesen Städten verbunden gewesen. Das zeitnahe Gespräch hilft dennoch zu erkennen: Die Welt von Mystic Circle muss aus ihren Verbindungen in der Pfalz und entlang des Rheins heraus verstanden werden, nicht aus dem mythischen Xanten und Island des Albums.

Für die Musikgeschichte der Gegend gibt es jedoch eine greifbarere, überprüfbare Spur. Das 1998 erschienene Debütalbum Blacken the Angel der mit Mainz verbundenen Band Agathodaimon entstand ebenso wie Drachenblut unter Beteiligung von Gerhard Magin; in den Mitwirkendenangaben wird auch Commusication Studio genannt. Agathodaimons Aufnahmen fanden im Oktober 1997 und im Februar 1998 statt, diejenigen von Mystic Circle im Februar und März 1998. Das gemeinsame Studio und der Produzent verbinden die Arbeiten zweier verschiedener Bands mit einer regionalen Aufnahmeinfrastruktur. Daraus folgt aber nicht, dass sich die Musiker am selben Tag trafen, gegenseitig bei den Proben zuhörten oder Klangideen voneinander übernahmen. Der Wert der Parallele liegt gerade in der besser belegbaren, bescheideneren Tatsache: In der Region gab es bereits eine professionelle Einrichtung, die an mehreren keyboardbetonten und melodischen Extreme-Metal-Produktionen jener Zeit arbeitete.

Die deutsche Szene hatte nicht nur eine Stimme

Als Drachenblut erschien, existierten in Deutschland unterschiedliche Metal-Ästhetiken nebeneinander, die mitunter als unvereinbar galten. Theatralische, chorartig wirkende Arrangements und dunkle Romantik stellten nur eine Richtung dar. Anderswo blieben ein roher Gitarrenklang, ausgedehnte Strukturen, traditionellerer Black-Metal-Gesang und ein kühler, bewusst weniger verzierter Sound zentrale Werte. Diese Unterschiede erklären sich am besten nicht durch nachträglich vergebene Genrebezeichnungen, sondern durch Werke aus demselben Jahrzehnt. Nagelfars im Dezember 1997 veröffentlichtes Album Hünengrab im Herbst etwa suchte Wucht und kompositorischen Reichtum auf einem anderen Weg als die keyboardorientierten Mystic Circle. In einem Interview aus dem Jahr 2002 sprach Nagelfar über die Demos, die Albumaufnahmen von 1997 und die Verbindung zum kleinen Label Kettenhund. Dokumentiert sind damit nicht nur unterschiedliche Klänge, sondern auch verschiedene Formen unabhängiger Organisation.

Auf der anderen Seite gab es die melodischere und gotisch geprägte Seite der Epoche. Mit Blacken the Angel zeigte Agathodaimon 1998, dass düstere, durch Keyboards bereicherte Musik in Deutschland nicht auf eine einzige Band beschränkt war. Man muss die beiden Gruppen weder als Konkurrenten oder Freunde noch als aufeinanderfolgende Schulen beschreiben: Die gemeinsame historische Beobachtung ist lediglich, dass in derselben Szene verschiedene Wege zu einem atmosphärisch geprägten Extreme Metal führten. Daraus wurde zugleich eine Frage der Studioarbeit: Wie konnten verzerrte Gitarren, Schlagzeug, growlender oder kreischender Gesang und eine ausladende Keyboardebene gleichzeitig hörbar bleiben? Die Antwort war nicht bloß eine Frage des künstlerischen Geschmacks, sondern erforderte konkrete Entscheidungen über die Gewichtung des Klangs.

Aus der Perspektive der zweitausender Jahre lässt sich die gesamte Epoche leicht zu einem einheitlichen Kapitel des „symphonischen Black Metal“ vereinfachen. Doch die damaligen Musiker und Kritiker verstanden darunter nicht immer dasselbe. Der Gegensatz zwischen „true“ und „kommerziell“, authentisch und theatralisch, gitarrenzentriert und keyboarddominiert war häufig nicht nur eine tontechnische, sondern auch eine gemeinschaftliche und moralische Auseinandersetzung: Wer vertrat die Werte der Szene, und ab wann verwandelte sich eine starke Bildsprache in bloße Kulisse? Die umstrittene Aufnahme von Mystic Circle lässt sich erst vor diesem Hintergrund wirklich verstehen. Dies ist eine Rekonstruktion zeitgenössischer Meinungsunterschiede und keine Erlaubnis, die damaligen Vorwürfe als Tatsachen zu wiederholen.

Im Norden: Black Metal gewinnt Raum

In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre trat ein Teil des skandinavischen Black Metal aus seinem früheren engen Underground-Rahmen heraus und erreichte ein breiteres internationales Publikum. Dimmu Borgirs Album Enthrone Darkness Triumphant aus dem Jahr 1997 erschien bei Nuclear Blast. Auch die eigene historische Darstellung des Labels behandelt die Platte als Wendepunkt, an dem düstere Musik mit ausladenden Keyboards und symphonischem Denken verbunden wurde. Nuclear Blast war nicht das Label von Mystic Circle, spielte aber auf jenem deutschen Tonträgermarkt, auf dem auch Drachenblut seinen Platz suchte, eine wichtige Rolle.

Ebenfalls 1997 veröffentlichte Emperor bei Candlelight Records das Album Anthems to the Welkin at Dusk. Die beiden norwegischen Produktionen folgten nicht derselben kompositorischen Logik. Ihre gemeinsame Bedeutung bestand darin, dass sie zeigten, wie der Klang des Extreme Metal zugleich komplexer, großformatiger und für die internationale Plattenöffentlichkeit sichtbarer werden konnte. Die Arrangements deuteten häufig einen Klangraum an, der größer wirkte als die tatsächliche Bandbesetzung. Dieses Streben ordnet auch die verschlungene Sagenwelt von Mystic Circle in ein verständliches zeitgenössisches Umfeld ein – nicht, weil jedes ähnliche Element unmittelbar übernommen worden wäre, sondern weil im gesamten Genre die Frage aufkam, wie sich Dunkelheit und Erzählen in groß angelegte musikalische Szenen verwandeln ließen.

Die Begriffe „klassisch“ und „symphonisch“ müssen hier allerdings mit Vorsicht verwendet werden. Mehrschichtige Keyboards belegen für sich genommen weder ein echtes Sinfonieorchester noch ein live spielendes Streichensemble oder ein bestimmtes Instrumentenmodell. Ein Arrangement kann theatralische, filmische und orchestrale Wirkungen hervorrufen, auch wenn die betreffenden Klangfarben auf elektronischen Keyboards entstehen. In den bekannten Mitwirkendenangaben von Drachenblut wird Baalsulgorr als Keyboarder genannt; eine weitergehende detaillierte technische Auflistung lässt sich aus den verwendeten Originalcredits nicht belegen. Die Größe des Klangs lässt sich deshalb als hörbare ästhetische Absicht behandeln, ohne einen unbekannten technischen Hintergrund zu erfinden.

Britannien und die europäische dunkle Romantik

Die musikalische Veränderung nahm in Europa noch eine andere, ebenso auffällige Richtung. Die britische Band Cradle of Filth brachte nach Dusk… and Her Embrace im Mai 1998 Cruelty and the Beast heraus. Die eigene Diskografie der Band bestätigt die Reihenfolge der Veröffentlichungen; ein späterer offizieller Rückblick hebt die bewusst aufgebaute Thematik des mit Elisabeth Báthory verbundenen Albums hervor. Es war eines der wichtigen zeitgenössischen Beispiele für Metal, der sich Vampiren, historischen Schreckensgeschichten, theatralischen Gesangs- und Arrangementformen sowie einer reichen Bildwelt öffnete. Die frühen Vampirmotive von Mystic Circle und ihr späteres Nibelungen-Material entstanden daher nicht im luftleeren Raum; mehrere europäische Bands dachten zur selben Zeit in zusammenhängenden Erzählungen. Ähnliche Interessen belegen aber noch keinen gemeinsamen Autorenplan.

Neben die skandinavischen und britischen Entwicklungen lässt sich auch der europäische Gothic Metal stellen. In der Zeit von Velvet Darkness They Fear (1996) und Aégis (1998) setzte Theatre of Tragedy auf den Gegensatz männlicher und weiblicher Gesangsstimmen, langsamere atmosphärische Musik und gotische Klangfarben. Das eigene Archiv der Band datiert Aégis auf 1998. Dies war ein anderer musikalischer Ansatz als der schnelle, erzählerische und keyboardgestützte Dark Metal von Mystic Circle, gehörte jedoch zur selben Epoche: Stimmung, rollenartig eingesetzter Gesang und sorgfältig geschaffene theatralische Welten gewannen in immer mehr unterschiedlichen Metalrichtungen an Bedeutung.

Man kann daraus allerdings nicht schließen, alle diese Stile hätten den rohen Black Metal in einer gemeinsamen Entwicklung „abgelöst“. Parallel zur Zunahme groß angelegter Produktionen entstanden weiterhin bewusst kargere, härtere Werke, die an traditionellen Underground-Werten festhielten. Das belegen nicht nur einzelne Alben, sondern auch der Ton der damaligen Debatten. Deshalb wäre es irreführend, Drachenblut als zwangsläufige Stufe auf einer einfachen Fortschrittsleiter zu bezeichnen. Die Band wählte eine von mehreren Möglichkeiten, die damals selbst untereinander umstritten waren.

Nicht nur Black Metal: Neue Möglichkeiten des erzählenden Albums

Mittelalterliche Geschichten, Sagen und Fantasy-Motive fanden 1998 nicht nur im Black Metal ihren Platz. Im selben Jahr veröffentlichte die deutsche Band Blind Guardian mit Nightfall in Middle-Earth ihre groß angelegte Tolkien-Bearbeitung. Die offizielle Beschreibung und die Biografie der Band charakterisieren das Album als bewusst zusammenhängende Erzählung mit zahlreichen kürzeren erzählerischen und überleitenden Abschnitten. Andere Arrangements, anderer Gesang und eine völlig andere Metaltradition stehen dahinter. Dennoch ist die gemeinsame Frage jener Zeit auffällig: Wie lassen sich ein langer epischer Stoff, seine Figuren und Szenen nicht bloß als Folge einzelner Lieder, sondern als zusammenhängende Albumgeschichte zum Klingen bringen?

Die Parallele zwischen diesen beiden erzählenden Alben von 1998 ist besonders bei den kurzen Übergängen aufschlussreich. In der Dramaturgie eines Albums kann ein gesprochener, instrumentaler oder atmosphärischer Abschnitt wichtig sein, selbst wenn er für sich genommen kein herkömmliches Lied ist. Auf einer im Handel erhältlichen CD konnten solche Übergänge als eigene Tracks oder als Teile benachbarter längerer Stücke erscheinen. Eine nachweisbare CD-Aufstellung von Drachenblut nennt sechzehn Tracks, darunter mehrere kurze als „Intro“ bezeichnete Teile; andere Kataloge führen dagegen neun musikalische Haupteinheiten auf. Das bedeutet nicht, dass einfach sieben Kompositionen verschwunden wären: Der Unterschied bei Erfassung und Nummerierung erklärt sich gerade aus der gesonderten Behandlung der Übergänge. In der endgültigen Veröffentlichung muss die zur konkreten Ausgabe gehörige Titelliste erscheinen; die bisherigen Formulierungen des Romans müssen deshalb nicht geändert werden.

Bei der Nibelungensage tritt dieser Unterschied noch deutlicher hervor. Die alte Geschichte bietet nicht nur eine Reihe von Motiven, sondern eine dramatische Abfolge: heldenhafter Aufbruch, Waffe und Drache, Schatz, Hochzeit, Verrat, Mord und ein Erbe, das im Fluss versinkt. Musikalisch wäre dies in verschiedenen Genres vorstellbar, für Mystic Circle bot jedoch der von Keyboards getragene Extreme Metal die Mittel dazu. In der Konzert- und Plattenwelt von 1998 verbreiteten sich also nicht nur neue Klangfarben; auch der Gedanke gewann an Bedeutung, dass die innere Form eines Metalalbums eine lange Erzählung tragen könne. Die Behauptung, von wem die Künstler die konkrete Idee übernommen hätten, lässt sich nur auf ihre eigenen dokumentierten Aussagen stützen; die Parallele zwischen zwei im selben Jahr erschienenen Werken beweist einen solchen Einfluss für sich genommen nicht.

Klangbild und Streit: Der Platz der Keyboards

Im Juni 1998 verglich eine Drachenblut-Rezension auf metal.de die Band mit Dimmu Borgir und hob dabei die zahlreichen Keyboardmelodien und leicht einprägsamen Motive hervor. Der Text war in stark spöttischem Ton gehalten. Deshalb sind bei seiner Verwendung als Quelle zwei Dinge zu unterscheiden: Er dokumentiert, dass ein zeitgenössischer Kritiker den Klang des Albums vor dem Hintergrund der rasch bekannt werdenden Muster des symphonischen Black Metal hörte. Sein Urteil über eine „Nachahmung“ ist jedoch eine persönliche Wertung und kein bewiesener Fakt der Entstehungsgeschichte. Man sollte diese Kritik heutigen Lesern nicht als neutrale Beschreibung aufzwingen; als Zeugnis damaligen Widerstands bleibt sie dennoch wichtig.

Ein Jahr später, im August 1999, erklärte Ezpharess in einem Interview mit vampster über das nächste Album der Band selbst, die Gitarren seien stärker in den Vordergrund gerückt und der neue Klang sei seiner Ansicht nach weniger keyboardzentriert als jener von Drachenblut. Das Gespräch zeigt auch, wie lebhaft damals über „true“ Black Metal, größere Plattenverkäufe, Bühnenspektakel und Vergleiche mit Dimmu Borgir diskutiert wurde. Der Musiker widersprach entschieden der Deutung, sie würden lediglich wegen des Geldes arbeiten. Der gesamte ästhetische Konflikt klang zugleich wie eine musikalische Auseinandersetzung und wie die Frage, wie man Mitglied einer Underground-Gemeinschaft bleiben könne, wenn die Musik mehr Aufmerksamkeit erhält. Das Interview ist als rückblickende Quelle aus erster Hand von 1999 zu behandeln, nicht so, als wären diese Worte 1998 direkt am Mischpult gefallen.

Der bereits vorhandene Roman behandelt das Verhältnis von Gitarren und Keyboards schon, weshalb dieser Teil nicht noch einmal in nahezu identischen Sätzen geschrieben werden muss. Der tatsächlich neue Hintergrund besteht darin, dass die Debatte über die Klangbalance im ganzen Genre geführt wurde. Während manche Kritiker in einer für ein breiteres Publikum zugänglicheren Melodiewelt eine Verwässerung der Tradition sahen, betrachteten andere gerade die Komplexität der Arrangements als Entwicklungsmöglichkeit. Ästhetische Bewertungen sind keine einander ausschließenden Tatsachenbehauptungen: Derselbe Klang konnte nach unterschiedlichen historischen und geschmacklichen Maßstäben gehört werden. So wird verständlich, weshalb dasselbe Drachenblut für manche eine überzeugende, filmartige Sagenwelt und für andere übermäßig ausgeschmückte, wenig neuartige Musik darstellte.

Labels, CDs und physischer Vertrieb

Drachenblut erschien 1998 bei Last Episode. Die Katalognummer einer bekannten frühen deutschen CD-Ausgabe lautet LEP 018 CD; Sammlerdiskografien bewahren neben Angaben zur Digipak-Fassung auch Informationen über herkömmliche CD-Ausgaben. Die zeitgenössischen Tonträgerdaten stimmen zumindest darin überein, dass es sich nicht um ein unabhängig verbreitetes digitales Dateipaket handelte, sondern um einen physischen Tonträger mit Kennzeichnungen für Label und Herstellung. Er war zugleich Handelsware, eine tatsächlich greifbare Hülle, eine festgelegte Trackfolge und Träger der visuellen Selbstdarstellung der Band.

Last Episode war auf dem Extreme-Metal-Markt ein Akteur von anderer Größe und mit anderer Rolle als Nuclear Blast, das durch internationale Verbreitung ein zunehmend breites Publikum erreichte. Ein späterer Bericht über die Geschichte von Nuclear Blast hebt 1997 als besonders wichtiges Jahr hervor: Die Veröffentlichungen von Dimmu Borgir und HammerFall zeigten gleichzeitig, dass ein deutsches Metal-Label mit verschiedenen Subgenres ein Publikum aufbauen konnte. Drachenblut erschien zwar nicht bei diesem Label, suchte aber innerhalb derselben deutschen Musikindustrie, ihres Wettbewerbs, ihrer Labelstrukturen und ihrer Presseöffentlichkeit seinen Platz. Es liegt kein Vertrag vor, aus dem sich das Werbebudget von Mystic Circle, territoriale Vertriebsrechte oder das genaue Verkaufsstellennetz rekonstruieren ließen; diese Dinge dürfen nicht als Tatsachen dargestellt werden.

Das Publikum begegnete solchen Veröffentlichungen damals über verschiedene Wege. Plattenläden, Fachkataloge, Versandhandel, Musikzeitschriften, Fanzines, Demos und Konzerte gehörten gleichermaßen zur Underground-Öffentlichkeit der neunziger Jahre. Auch deutsche Untersuchungen über die Mediennutzung Jugendlicher zeigen den damaligen Medienwandel: CDs und Kassetten waren alltägliche Mittel, während sich das Internet erst schrittweise verbreitete. Aus solchen allgemeinen Daten ergibt sich nicht, in welchen Läden, in wie vielen Ländern oder in welcher Stückzahl das konkrete Mystic-Circle-Album erhältlich war. Die physische Beschaffenheit des Tonträgers hilft aber, die damalige Bedeutung des Covers, der Songreihenfolge und des Texthefts zu verstehen: Fans konnten sie wirklich in den Händen halten und beim Hören betrachten.

Das vampster-Gespräch von 1999 bietet eine seltene Momentaufnahme an der Schwelle dieses Wandels. Der Interviewer fragte Ezpharess bereits nach Internetpräsenz und CD-ROM-Inhalten; der Musiker bezeichnete die Informationsmöglichkeiten des Netzes als wichtig, konnte aber selbst keine sichere Antwort zum damaligen Zustand der offiziellen Mystic-Circle-Website geben. Im selben Interview kamen Akteure der gedruckten Musikszene um Ablaze, EMP und Legacy zur Sprache sowie auf dem Wacken-Festival verteilte Flugblätter. Das sind konkrete, zeitnahe Aussagen aus dem Umfeld der Band: Sie zeigen, dass ältere Printwerbung und neue Onlinepräsenz einander nicht an einem einzigen Tag ablösten, sondern nebeneinander existierten. Es wird damit jedoch nicht behauptet, dass sämtliche erwähnten Werbemittel nachweislich und in gleicher Weise für die Veröffentlichung von Drachenblut eingesetzt wurden.

Das Studio als Ort der Arrangemententscheidungen jener Zeit

Der Name Commusication Studios ist in der Entstehungsgeschichte von Drachenblut bereits festgehalten: Im Februar und März 1998 nahm Gerhard Magin das Material auf, mischte und masterte es. Für ein musikalisches Zeitporträt ist weniger die erneute Wiederholung dieser Information wichtig als ihr verständlicher Zusammenhang. Bei einem Extreme-Metal-Album beruht die Kraft der Band nicht allein auf den im Proberaum komponierten Passagen. Beim Abmischen muss auch entschieden werden, welches Gewicht Gitarre, Schlagzeug, Gesang, Bass und die einen orchestralen Eindruck erzeugenden Keyboardebenen erhalten. Zwei unterschiedlich ausbalancierte Klangbilder desselben Stücks können ein völlig anderes Gefühl für die erzählte Geschichte hervorrufen.

Der regionale Vergleich lässt sich hier konkret belegen: Auch bei einer anderen Commusication-Produktion von 1998, Agathodaimons Blacken the Angel, ist Magins Mitwirkung dokumentiert. Das zeigt, dass in der Region dieselben Fachleute und Studionamen bei mehreren Arbeiten mit verwandtem, aber nicht identischem musikalischem Charakter beteiligt waren. Es beweist nicht, dass alle Produktionen mit demselben Tonbandgerät, Mischpult, Synthesizer, derselben Spurenzahl oder demselben Arbeitsablauf entstanden. Das Zeitalter des Nebeneinanders von digitaler und analoger Technik kann deshalb als allgemeiner technikgeschichtlicher Hintergrund erwähnt werden; eine konkrete Ausrüstungsliste für Drachenblut darf ohne Quellen nicht erstellt werden.

Letztlich ging es bei der von der Band gewählten Lösung nicht um den Markennamen eines Geräts. Die Keyboardebene ermöglichte es, den Ereignissen der Sage einen weitläufigeren Raum zu geben: höfische Feierlichkeit, drohende Erwartung, Triumph oder Verlust. Dies ist eine mögliche ästhetische Interpretation im Zusammenhang mit dem Klangideal jener Zeit, keine jetzt durchgeführte Höranalyse jeder einzelnen Spur und auch kein Ersatz für wörtlich dokumentierte innere Absichten der Komponisten. Der vorhandene Roman erzählt bereits eindrucksvoll, was die symphonische Ebene für Siegfrieds Geschichte bedeutet; die Aufgabe dieser Ergänzung ist es, dazu den tatsächlichen Studio- und Zeitkontext zu liefern.

Das Jahr, in dem große Geschichten und fachliche Debatten aufeinandertrafen

Drachenbluts Stellung innerhalb der Musik von 1998 lässt sich nicht dadurch bestimmen, dass man einen einzigen Künstler nennt und anschließend jeden ähnlichen Klang auf ihn zurückführt. Der komplexe, düstere Black Metal der deutschen Band Nagelfar, die atmosphärischen Experimente von Agathodaimon aus dem Mainzer Umfeld, die unterschiedlichen großformatigen Ansätze von Emperor und Dimmu Borgir aus Norwegen, die historisch-gotische Theatralik der britischen Cradle of Filth, der Gegensatz der Stimmen bei Theatre of Tragedy und Blind Guardians monumentale Tolkien-Erzählung gehörten keiner einzigen Schule an. Trotzdem zeigen sie, dass der europäische Metal sich damals in vielerlei Richtungen neu zu definieren versuchte. Roher Klang, ausgearbeitete Produktion, mythisches Erzählen und bühnenhafte Darstellung waren zugleich künstlerische Entscheidungen und Gegenstand von Debatten.

In diesem Umfeld stellte Mystic Circle seine eigene Frage: Lässt sich die gesamte Geschichte von Siegfrieds Untergang auf einem düsteren Metalalbum so erzählen, dass auch dessen Klang episch bleibt? Die Antwort trägt das fertige Werk von 1998 in sich. Eine zeitgenössische Kritik belegt, dass nicht alle es für gelungen oder originell hielten; ein Bandinterview aus dem folgenden Jahr zeigt wiederum, dass sich die Mitglieder selbst bewusst mit dem umstrittenen Klangverhältnis auseinandersetzten. Das Album ist also nicht nur Musik zu einer alten Sage, sondern auch ein Dokument jenes Genremoments, in dem Underground-Glaubwürdigkeit, breiteres Publikum, Studioklang und groß angelegte Erzählung aufeinanderprallten. Dieses historische Umfeld macht das Gewicht des Jahres 1998 spürbar, ohne der Band unbekannte Motive oder technische Einzelheiten anzudichten.

Bis 1998 bereitete sich die Band dennoch auf etwas vor, das weit mehr Arbeit erforderte als eine weitere Sammlung von Songs. Sie hatte nicht einfach nur ein Thema gewählt. Sie wollte eine Geschichte von Anfang bis Ende erzählen. Beelzebub bezeichnete Drachenblut später als eines ihrer schwierigsten Alben, weil sie zunächst das Material zusammentragen, die Geschichte verstehen und danach für jede emotionale Wendung eine musikalische Gestalt finden mussten. Es reichte nicht, wenn der Liedtext verkündete: Jetzt kommt der Sieg, jetzt der Verrat, jetzt die Trauer. Die Musik selbst musste siegen, verraten und trauern.

So kamen Siegfrieds Geschichte, der Drache, das Schwert, der Nibelungenschatz, Brünhild, Worms, Hagen und der Rhein ins Spiel. Doch was Mystic Circle aufbaute, war kein Nibelungenlied aus dem Lehrbuch. Zur mittelalterlichen deutschen Überlieferung und den nordischen Sagen traten moderne Fantasybilder, Odin, Walhall und verschiedene germanische Motive. Philologische Genauigkeit interessierte die Band nicht. Sie wollte eine Metal-Mythologie, in der jede Szene unmittelbar erkennbar, dramatisch und bühnenhaft war.

Im Februar und März 1998 nahm die Geschichte innerhalb der Mauern der Commusication Studios im deutschen Beindersheim Gestalt an. Gerhard Magin nahm das Material auf, mischte und masterte es. Beelzebubs Bass, Gesang und Texte, die Gitarren von Ezpharess und Isternos, Baalsulgorrs Keyboards und Aaarrrgons Schlagzeug wirkten nun nicht mehr wie voneinander getrennte Instrumentalspuren, sondern als hätten sie Rollen auf einer schwarzen Bühne erhalten. Die Gitarren gaben Bewegung und Zusammenprall, das Schlagzeug Marsch und Kampf, die Keyboards dagegen Raum, Burgmauern, Nebel, Feuer, Eisfelder und Dämmerung.

Drachenblut wurde den Hörern 1998 von Last Episode zugänglich gemacht. Die Tracknummerierung ist nicht bei jeder Ausgabe dieselbe: Es gibt eine Fassung mit neun Hauptstücken und eine Ausgabe, welche die sieben kurzen Übergänge einzeln nummeriert und denselben Sagenbogen damit auf insgesamt sechzehn Tracks verteilt. Der Unterschied bedeutet nicht sechzehn eigenständige Geschichten statt neun. Die Aufnahmen entstanden im Februar und März 1998 unter Mitwirkung von Gerhard Magin in den Commusication Studios. Das Cover malte Jörg Scheibner; auch Frank Babel und weitere Mitwirkende waren an der grafischen Gestaltung der Veröffentlichung beteiligt.

Gerade diese Keyboards wurden später zum meistdiskutierten Bestandteil des Albums. Ein Jahr danach sprach Ezpharess offen darüber, dass seiner Meinung nach die Gitarren im endgültigen Mix von Drachenblut zu weit in den Hintergrund geraten waren. Er hatte den Eindruck, er und Isternos hätten kraftvolle Gitarrenläufe eingespielt, doch im fertigen Klangbild sei vieles hinter der symphonischen Ebene verschwunden. Für das nächste Album wollten sie deshalb bewusst kräftigere, deutlich weiter vorn stehende Gitarren. Und doch liegt darin eine eigenartige Wahrheit: Gerade diese umstrittene Balance machte Drachenblut zu dem, was es ist. Die Keyboards begleiten hier nicht einfach nur. Sie bauen die Kulissen.

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Das Cover: Dem Drachen gegenüber

Auf dem Cover von Drachenblut ist kein Platz für ruhige Betrachtung. Links steht ein nahezu vollständig in Schatten gehüllter Krieger, mit weit auseinanderstehenden Beinen und dem ganzen Körper dem Ungeheuer zugewandt, das sich vor ihm auftürmt. Er streckt sein Schwert nach vorn; die Klinge zieht in der Bildmitte eine Grenze zwischen Mensch und Drache. Der Held ist kleiner, verletzlicher als sein gewaltiger, schuppiger Gegner. Der lange Hals des Drachen krümmt sich nach oben, Hörner oder Stacheln ragen aus seinem Kopf, und sein nach rechts ausgebreiteter, häutiger Flügel scheint einen großen Teil des Hintergrunds zu verschlingen. Wir sehen nicht den Augenblick nach dem Sieg, sondern jenen, in dem noch alles geschehen kann.

Schwärzlich-violette, blaue und kaltweiße Lichtpartien scheinen am Himmel aufeinanderzuprallen. Das Licht, das hinter den zuckenden Blitzen hervorbricht, hebt den Hals des Drachen, die Umrisse des Kriegers und die Waffe hervor, lässt aber die meisten Einzelheiten im tiefen Schatten. So besitzt das Bild zugleich etwas Märchenhaftes und ein bedrohlich körperliches Gewicht: Die Figuren im Vordergrund sind kräftig modelliert, während entfernte, dunkle, bauwerkartige Formen den Schauplatz ungewiss erscheinen lassen. Das kantige Bandemblem links oben und der in altertümlicher Schrift gesetzte Titel Drachenblut rechts unten verstärken den düsteren, mittelalterlich anmutenden Eindruck des Gemäldes.

Wer die Geschichte des Albums kennt, kann in dieser Szene leicht den Kampf zwischen Siegfried und Fafnir wiedererkennen; das Bild selbst nennt die Gestalten jedoch nicht. Gerade darin liegt die Kraft des Covers: Es erklärt die Sage nicht, sondern verdichtet sie zu einer einzigen gefährlichen Begegnung. Mit den schnellen, kämpferischen Gitarrenpassagen lässt sich das Vorpreschen des Kriegers verbinden, mit der dunklen, weiträumigen Klangwelt der Keyboards der von Blitzen zerrissene Himmel und die alles überragende Gestalt des Drachen. Das Bild weckt dasselbe Gefühl wie die dramatischsten Augenblicke von Drachenblut: Das Heldentum trägt die Möglichkeit des Untergangs von Anfang an in sich.

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Siegfrieds Weg zum Drachenblut

Am Anfang des Albums gibt es noch keine Tragödie. Es gibt nur ein Versprechen. Ancient Words öffnet für einen Augenblick das Tor zu den alten Geschichten: Es spricht von Kriegern, Ehre, Festen, Tränen und Fehden zwischen Helden. Es erklärt nichts. Es kündigt nur an, dass die Geschichte jetzt beginnt. Und damit tritt der Hörer aus dem Jahr 1998 heraus.

Auf der Burg in Xanten lebt ein junger Knabe, dem die Geborgenheit langweilig geworden ist. Siegfried will nicht länger ein Königskind bleiben; er will zum Helden werden. Deshalb schickt sein Vater ihn zum Schmied Mimer, damit er im Dunkel der Werkstatt, zwischen Hammer und Amboss, lernt, was ihm kein Hof beibringen kann. Dort hört er zum ersten Mal von Fafnir, dem Drachen, den noch niemand bezwingen konnte. Und während andere in den Erzählungen scheitern, wächst in Siegfried jene tollkühne Gewissheit, die am Anfang jeder großen Heldengeschichte steht und zugleich der erste Fehler jeder großen Tragödie ist: Er wird es schaffen.

In der Nacht schmiedet er sein Schwert. Notrum ist nicht bloß eine Waffe, sondern die mit eigenen Händen errungene Selbstständigkeit. Als er die Werkstatt verlässt, nähert sich ihm von hinten ein Angreifer mit einem Messer. Der Junge schlägt ihm den Kopf ab und zieht weiter. So fordert der Weg zum Drachen schon Blut, ehe Fafnir überhaupt erscheint.

Im Morgengrauen erhebt sich Dragonstone vor ihm. Eine Bauernfamilie warnt ihn ein letztes Mal: Andere haben es schon versucht und sind in den Flammen umgekommen. Doch der Held ist nicht in die Sage getreten, um umzukehren. Fafnirs Feuer bricht hervor, und Notrum trifft den Drachen mitten ins Herz. Der Sieg ist zugleich vollkommen und verhängnisvoll. Siegfried badet im Drachenblut, das ihn wie eine zweite Haut unverwundbar macht. Nur ein einziges Lindenblatt haftet an seinem Rücken. Ein winziger Fleck bleibt ungeschützt. In genau jenem Augenblick, in dem der Held unverwundbar zu werden scheint, wird auch sein Tod geboren.

Von hier an geht es in der Geschichte nicht mehr nur um Ungeheuer. Im Reich der Nibelungen erwarten ihn Unsichtbarkeit, Schätze und Macht. Alberichs Tarnkappe, die beiden Könige, die einander vernichten, und der bewachte Schatz flüstern alle dieselbe Warnung: Alles, was sich erringen lässt, hat seinen Preis. Siegfried siegt, wird König und entfernt sich beinahe unmerklich immer weiter von jenem Jungen, der doch nur ein Abenteuer erleben wollte.

06 / 07

Verrat, Blut und der Rhein

Brünhilds Name kündigt bereits die nächste Prüfung an. Sie segeln nach Island, vom Nordwind getrieben; am Ufer stehen Nornen, und Feuer bewacht die Burg. Brünhild ist kein passiver Preis, sondern eine Kriegerin, die ihre eigenen Bedingungen stellt. Drei Prüfungen müssen gewonnen werden. Siegfried siegt. Doch zum ersten Mal wird der Triumph moralisch zwiespältig, denn das Schicksal der Besiegten wird zum Gegenstand eines politischen Tausches. Siegfried gibt sie Gunther, damit im Gegenzug Kriemhild die Seine werden kann. Brünhild aber vergisst nicht.

An dieser Stelle verwandelt sich Drachenblut allmählich in eine Geschichte anderer Art. Der Drache ist tot, der magische Schatz gewonnen, der Held hat große Taten vollbracht. Und doch wird nichts leichter. In Worms feiert man eine Doppelhochzeit. Von außen betrachtet ein Fest, im Innern bereits Rache. Kriege folgen, Siegfried beweist immer wieder seine Heldenkraft, kehrt dann in sein eigenes Königreich zurück und herrscht viele Jahre. Doch im Hintergrund suchen Brünhild und Hagen bereits nach jener Stelle, an der die Legende aus Fleisch besteht.

Hagen von Tronje erhält eine eigene Geschichte. Mystic Circle zeichnet ihn nicht einfach als Mörder. Schwarze Rüstung, eine Narbe, ein einziges Auge, Odin, Walhall, der Stolz des Kriegers. Als wüsste das Album, dass für eine große Tragödie ein Bösewicht allein nicht genügt. Es braucht jemanden, der in einer anderen Geschichte selbst ein Held sein könnte. Jemanden, der sich mit demselben Ernst auf den Verrat vorbereitet, mit dem Siegfried einst gegen Fafnir zog.

Doch das Verhängnis braucht keine Stärke, sondern Vertrauen. Hagen wendet sich an Kriemhild und sagt, er wolle Siegfried beschützen. Er bittet sie, die einzige verwundbare Stelle auf dem Rücken ihres Mannes zu kennzeichnen, damit er sie mit seinem Schild schützen könne. So wird die Fürsorge zur Landkarte des Mordes.

Am Morgen der Jagd beginnt alles, als handle es sich nur um eine weitere höfische Veranstaltung. Wald, Pferd, Waffen, Wild. Siegfried ermüdet. Er wird durstig. An einer Quelle kniet er nieder, um zu trinken. Der Mann, der einen Drachen getötet, ein Königreich gewonnen und Krieger besiegt hat, fällt nicht im Zweikampf. Kein stärkerer Gegner vernichtet ihn. Der Speer kommt von hinten, genau dorthin, wo Kriemhild in gutem Glauben ein Zeichen angebracht hatte.

Das Blut des Königs von Xanten ergießt sich auf die Erde, und plötzlich erhält der Titel Drachenblut eine neue Bedeutung. Das Blut des Drachen hatte einst Schutz verliehen. Nun beweist das Blut des Helden selbst, dass dieser Schutz immer unvollständig gewesen war. Die magische Kraft, die ihn am Anfang der Geschichte emporgehoben hatte, wird am Ende zur tragischen Ironie.

Kriemhild schwört Rache, doch das Album erzählt jene Geschichte nicht zu Ende, die die mittelalterliche Überlieferung noch über viele Seiten hinweg fortführt. Hagen ist schneller. Er lässt den Nibelungenschatz nach Worms bringen und versenkt ihn in der Nacht im Rhein. Rheingold ist kein triumphales Finale. Eher ein Verstummen. Der Erzähler will nichts mehr sagen. Zurück bleiben nur weinende Frauen und Männer und stolze Ritter, die zu früh gestorben sind.

Dieses Ende ist besonders bedeutsam, weil Mystic Circle nicht die gesamte Nibelungensage zu Ende erzählt hat. Die eigene Geschichte von Drachenblut endet mit Siegfrieds Aufstieg, seinem Tod und dem Verschwinden des Schatzes. Der Rhein ist zugleich Grab und Schloss. Was in ihm versinkt, bleibt bestehen, wird aber unerreichbar. Jahre später entstand gerade daraus der Gedanke an ein Drachenblut II, das die Sage dort weitererzählen könnte, wo das erste Album verstummt war.

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Das Echo und Vermächtnis von Drachenblut

Beelzebub sagte später, Drachenblut sei musikalisch durchgehend im Fluss gewesen. Vielleicht ist das die treffendste Selbstbeschreibung. Die Lieder folgen nicht wie neun kleine, voneinander getrennte Geschichten aufeinander. Sie sind vielmehr Szenen. Auf manchen Ausgaben erscheinen die kurzen instrumentalen Zwischenspiele als eigene Tracks, doch eigentlich sind sie Türen zwischen den Schauplätzen: von Xanten in die Schmiede, von dort zum Dragonstone, dann zu den Nibelungen, nach Island, Worms, in den Wald und schließlich an den Rhein.

Deshalb funktioniert die Dominanz der Keyboards, selbst wenn Ezpharess sie später selbst für übertrieben hielt. Drachenblut ist nicht einfach ein Album aus Riffs. Die symphonische Schicht bildet den Raum der Erzählung. Mal ist sie eine Burgmauer, mal Wind, mal Feuer, mal ein dunkler Burghof. Die Gitarre sorgt für die körperliche Bewegung, doch das Keyboard bestimmt, wie groß die Welt um sie herum ist.

Die zeitgenössische Kritik nahm das nicht immer freundlich auf. metal.de veröffentlichte im Juni 1998 eine scharf ablehnende Rezension und hörte in den bombastischen, eingängigen Keyboardthemen des Albums deutliche Parallelen zu Dimmu Borgir. Die Band wies später die Vorstellung zurück, es handle sich einfach um eine Kopie. Ezpharess räumte ein, dass die Instrumentierung Vergleiche nahelegen könne, betonte aber den eigenen Entwicklungsweg. Der Streit blieb dennoch an Mystic Circle haften, wie so viele andere Auseinandersetzungen auch.

Die Ironie liegt darin, dass viele Außenstehende Klischees sahen, während die Band selbst gerade die umfangreichen Recherchen und die Schwierigkeit hervorhob, der Geschichte eine musikalische Gestalt zu geben. Für sie ging es nicht darum, wie man noch symphonischer werden könnte, sondern wie sich Heldentum, Frost, Ruhm, Erniedrigung, Verrat und Trauer innerhalb eines einzigen musikalischen Flusses darstellen ließen.

Zudem brachte die Platte ein Publikum. In einem Vampster-Interview von 1999 schätzte Ezpharess, dass nach ungefähr fünftausend verkauften Exemplaren von Morgenröte bis dahin etwa fünfzehn- bis sechzehntausend Exemplare von Drachenblut verkauft worden seien. Das ist keine geprüfte Verkaufszahl, sondern eine Schätzung der Band; sie verdeutlicht aber, dass das zweite Studioalbum ein wesentlich größeres Publikum erreicht hatte. Und je mehr Menschen es hörten, desto stärker wurden die beiden Extreme um das Werk: Begeisterung und Ablehnung.

Mystic Circle war damals zu einer der umstrittensten Black-Metal-Bands Deutschlands geworden. In Interviews sprachen die Musiker von beleidigenden Flugblättern, gegen sie gerichteten T-Shirts und Konflikten. Zeitweise war das Image der Band beinahe lauter als ihre Musik. Jahre später räumte Beelzebub selbstkritisch ein, bestimmte visuelle Ideen seien schlecht umgesetzt worden, weshalb das Publikum ihre Absichten möglicherweise missverstanden habe. Zur Zeit von Drachenblut jedoch wiesen die groß angelegten Bilder, die bombastische Musik und die Sage noch in dieselbe Richtung.

1999 folgte bereits eine neue Welt. Infernal Satanic Verses führte nicht die heroischen oder sogenannten „wikingerhaften“ Themen fort, sondern behandelte den Kampf zwischen den Engeln der Hölle und des Himmels, umgearbeitete biblische Motive und einen wesentlich satanischeren, blasphemischeren Rahmen. Auch musikalisch änderte sich etwas: Die Gitarren rückten in den Vordergrund, die Keyboards verloren an Gewicht. Drachenblut wurde also nicht zum Rezept für die Zukunft. Es war vielmehr ein Meilenstein, von dem aus die Band weiterging.

Und doch kehrte sie immer wieder darauf zurück. Schon 2001 sprach Beelzebub von einer Platte, die viele für die beste musikalische Leistung der Band hielten. Er selbst gab keine einfache Rangliste ab, sondern schilderte eine Erinnerung: Es sei schwierig gewesen, habe viel Recherche erfordert, und die eigentliche Aufgabe habe darin bestanden, Gefühle in Musik zu verwandeln. Vielleicht blieb die Platte gerade deshalb so eindringlich. Sie hatten nicht bloß Lieder schreiben müssen. Sie hatten eine Sage durchleben müssen.

Spätere Wiederveröffentlichungen und die Rückkehr der Band machten Drachenblut allmählich zu einem Album mit bleibendem Vermächtnis. Eine Platte, die 1998 noch mitten in den damaligen Debatten um symphonischen Black Metal stand, war zwei Jahrzehnte später zum Zeugnis einer Epoche geworden. In ihrem Klang hört man die Zeit, im Verhältnis der Keyboards den Geschmack jener Jahre und in den Texten die Metal-Mythologie der Neunziger. Das macht sie nicht kleiner. Es verleiht ihr einen genaueren Platz.

Hinter der ursprünglichen Veröffentlichung von Drachenblut aus dem Jahr 1998 stand Last Episode. Die dokumentierte Katalognummer der ursprünglichen CD-Ausgabe lautet LEP 018 CD; sie bezeichnet eine bestimmte, nachgewiesene Ausgabe und ist keine allgemeingültige Nummer für alle späteren Veröffentlichungen. Nach Abschluss der Aufnahmen entwickelte das Material auch jenseits des engen Proberaum- und Studioumfelds ein Eigenleben. Die widersprüchlichen Urteile der damaligen Kritiker und die umstrittene Stellung der Band wurden in dieser Erzählung bereits behandelt. Hinzuzufügen bleibt nur, dass die Spaltung unter Kritikern und Hörern weder weitere Veröffentlichungen noch eine Wiederentdeckung über mehrere Generationen hinweg verhinderte.

Die Möglichkeit, dass die Nibelungensage eines Tages eine Fortsetzung erhalten könnte, ist keine nachträgliche Erfindung von Fans. Im Dezember 2005 sprach Ezpharess in einem metal.de-Interview ausdrücklich von dem Plan für ein folgendes Album mit dem Titel Drachenblut 2. Seine Begründung stützte sich gerade darauf, dass die Geschichte unvollendet geblieben war: Das erste Album endete mit Hagens Tat, als der Schatz im Rhein versenkt wurde. Diese Aussage ist jedoch als Absicht zu verstehen, nicht als Nachweis eines fertiggestellten Albums. In den Verzeichnissen der später veröffentlichten Studioalben findet sich keine eigenständige Veröffentlichung namens Drachenblut II. Dennoch ist dieser Rückblick bedeutsam: Er zeigt, dass die Gruppe selbst spürte, wie viel unerzählte Geschichte noch an jenem Ufer zurückgeblieben war, an dem der erste Teil endete.

Inzwischen blieb das Album auch durch seine physischen Ausgaben erhalten. Musik-Sammler dokumentiert eine deutsche CD-Wiederveröffentlichung von 2003 bei Massacre Records unter der Katalognummer MAS CD0386. Sie darf nicht mit der ursprünglichen Last-Episode-CD verwechselt werden: Das Werk ist dasselbe, die konkrete Ausgabe eine andere. Der Eintrag führt sechzehn einzelne Tracks auf, darunter mehrere kurze instrumentale Zwischenspiele. So lässt sich verstehen, weshalb neben der bekannten neunteiligen Darstellung, in der längere Kompositionen als Einheiten behandelt werden, auch eine detailliertere Liste mit sechzehn Tracks existiert. Aus der Geschichte dieser Trackaufteilungen darf man jedoch nicht ableiten, dass jede Pressung der ursprünglichen CD dieselbe Struktur aufwies.

In den folgenden Jahren verfolgte die Band andere Klangkonzepte und andere Geschichten. Drachenblut verschwand dennoch nicht aus ihrer eigenen Vergangenheit. Als es um die Gruppe gegen Ende der 2000er-Jahre stiller wurde, lebte das Album in alten CDs, Sammlerverzeichnissen und in der Erinnerung der Hörer weiter. Eine wirklich neue Phase begann Ende 2020, als die Gründungsmitglieder Beelzebub und Aaarrrgon wieder gemeinsam arbeiteten. Darauf folgten 2021 die öffentliche Rückkehr und im Februar 2022 das neue Studioalbum Mystic Circle. In einem Gespräch von 2022 datierte Beelzebub das Treffen, bei dem er und sein früherer Mitstreiter wieder zueinanderfanden, ausdrücklich auf den 23. Dezember 2020. Das ist eine persönliche Erinnerung und kein neuer Beleg für die Entstehungsgeschichte der Aufnahme von 1998.

Drachenblut erhielt in dieser erneuerten Bandgeschichte eine besondere Bedeutung. Am 1. Juli 2022 gab eine Mitteilung des Plattenlabels bekannt, dass das Album von 1998 erstmals offiziell in digitaler Form erhältlich sei. Die Beschreibung der Veröffentlichung nannte von Ancient Words bis Rheingold sechzehn einzelne Stationen, behandelte also auch die Zwischenspiele als eigenständige Titel. Die digitale Verfügbarkeit versetzte dasselbe Material in eine neue Hörumgebung, nachdem es zwei Jahrzehnte zuvor vor allem auf physischen Tonträgern bekannt geworden war. Geändert hatte sich hier nicht das frühere künstlerische Werturteil, sondern die Art und Weise, wie man Zugang zu dem Werk erhalten konnte.

Auch auf eine greifbare Rückkehr musste man nicht lange warten. Fireflash Records veröffentlichte eine remasterte Drachenblut-Ausgabe auf blauem Vinyl mit Klappcover, datiert auf den 17. März 2023. Nach den Handelsverzeichnissen wurde sie als auf fünfhundert Exemplare limitierte Auflage beworben. Die Angabe „Remaster 2022“ bedeutet also nicht, dass die Schallplatte schon 2022 in den Läden stand. Mehr als zwei Jahrzehnte später erhielt das Material von 1998 erneut eine vollständige, physische Gestalt; auch das gehört ebenso zu seiner Geschichte wie die einstige Erstveröffentlichung.

Zur Wiederentdeckung gehörten auch die eigenen Erinnerungen der Beteiligten. A.Blackwar – der frühere Aaarrrgon – nannte in einem Interview vom März 2023 unter den Inspirationsquellen für Drachenblut Wolfgang Hohlbeins Geschichte Hagen von Tronje sowie die Nibelungenfilme von 1924 und 1966. Das beweist nicht, dass jede Strophe des Albums eine einzige, genau zu benennende literarische Quelle hätte. Es zeigt aber, dass einer der Schöpfer Jahre später neben dem historischen und sagenhaften Stoff auch konkrete moderne Roman- und Filmvorbilder benannte. Der Drache, der Held und der Verräter gelangten somit nicht nur aus alten Handschriften, sondern auch aus der Bild- und Erzählkultur des zwanzigsten Jahrhunderts in die Welt des Albums.

In einem anderen Interview von 2023 berichtete Beelzebub, dass bei ihrem neuen Label auch der ältere Katalog seinen Platz gefunden habe, und erwähnte ausdrücklich die Wiederveröffentlichung von Drachenblut. Für ihn verkörperte die Zusammenarbeit des Gründungsduos die Kontinuität von Mystic Circle; deshalb weicht seine eigene Sicht auf die spätere Mitglieder- und Bandgeschichte mitunter von den Jahreszahlen öffentlicher Datenbanken ab. Die Erinnerung eines Zeitzeugen und diskografische Verzeichnisse bewahren unterschiedliche Dinge, und keines von beiden berechtigt dazu, nicht dokumentierte Einzelheiten zu erfinden.

Vielleicht ist dies die wichtigste, anhand der Fakten nachvollziehbare Besonderheit der langen Nachgeschichte des Albums: Das alte Werk erhellte auch die Vergangenheit einer Band in einer späteren Zeit. Weder die digitale Verfügbarkeit noch die neue Vinyl-Ausgabe löschten den rauen Klang der Fassung von 1998, die alten Kontroversen oder das unerbittlich tragische Ende der Sage aus. Vielmehr schufen sie einen neuen Abstand dazu. Der heutige Hörer weiß, dass die Idee einer Fortsetzung jener Geschichte, die mit dem Versenken des Nibelungenschatzes endet, über Jahrzehnte in den Köpfen der Urheber lebendig blieb. Drachenblut selbst endet jedoch nach wie vor am Rhein.

Denn die wahre Stärke von Drachenblut besteht nicht darin, dass das Album die Nibelungensage fehlerlos erzählt. Das tut es nicht. Auch nicht darin, dass es Gitarren und Keyboards vollkommen ausgewogen einsetzt. Das hat nicht einmal die Band selbst behauptet. Sie liegt vielmehr darin, dass das Werden und der Untergang eines Helden zu einer einzigen Bewegung geformt werden.

Zunächst bedeutet das Schwert Freiheit, später kann es seinen Träger nicht mehr schützen. Zunächst bedeutet der Schatz Macht, später wird er zum Fluch und zu einem verschwindenden Geheimnis. Das Drachenblut bedeutet zunächst Unverwundbarkeit, am Ende ist es die Erinnerung an eine tödliche Schwachstelle. Auch die Schauplätze verdunkeln sich: Xanten ist der Ursprung, Isenstein die Prüfung, Worms der Verrat am Hof und der Rhein jener Ort, an dem die Geschichte schließlich ihre eigenen Beweise versenkt.

Und vielleicht ist der Titel Drachenblut deshalb treffender als jede einzelne Szene. Er steht nicht nur für Fafnirs Blut. Nicht nur für den Panzer des Helden. Sondern für den Fluch der ganzen Geschichte: jenes Blut, das Stärke verleiht und im selben Augenblick die eine Stelle markiert, an der die Verteidigung eines Tages durchbrochen werden kann.

Drachenblut beginnt wie eine Heldensage. Und es endet wie jede wirklich alte Geschichte: mit Blut, Verrat, Wasser – und einem Satz, nach dem nur noch Stille bleibt.

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