…And So the Night Became
Die Geschichte des zweiten Aeternus-Albums: die Anfänge in Bergen, der Dark Metal, die Aufnahmen in Grieghallen, die Songs, Morrigans Cover und das spätere Nachleben der Platte.

Bevor die Nacht hereinbrach
In Bergen konnte man Anfang der Neunzigerjahre leicht das Gefühl bekommen, die dunkle Musik rücke mit jeder Straße ein Stück näher. Innerhalb kurzer Zeit wurde der Name der Stadt untrennbar mit einer ganzen Generation norwegischer Extreme-Metal-Musiker verbunden. Doch als Ronny Hovland 1993 Aeternus gründete, setzte er sich noch nicht als Erbe einer bereits feststehenden Tradition ans Komponieren. Unter dem Namen Ares sprach er später ganz schlicht über diese Zeit: Er wollte in einer Band spielen, also gründete er selbst eine. Seit seinem fünfzehnten Lebensjahr spielte er Gitarre, hatte vor Aeternus aber kaum Erfahrungen gesammelt, auf die er sich wirklich hätte stützen können. Anfangs beeinflusste ihn Hades stark. Auch rückblickend war ihm das nicht peinlich. Er beschrieb es eher als etwas ganz Natürliches für einen jungen Musiker, der seine eigene Sprache noch nicht gefunden hatte.
Diese eigene Sprache wurde jedoch bald wichtiger als jede äußere Ähnlichkeit. Mit Üben und unablässigem Songwriting versuchte Ares, sich von den ersten, instinktiv übernommenen Mustern zu lösen. Auch der Bandname wurde Teil dieser Selbstfindung. Das lateinische Wort aeternus – ewig – entsprach dem, was er mit dem Gedanken der Ewigkeit verband: etwas Gewaltiges, zugleich Fernes und Persönliches. Selbst Jahrzehnte später sprach er über den Namen, als wäre er nicht bloß eine längst getroffene Entscheidung, sondern etwas, das so lange Bestand haben würde, wie er selbst Musik erschaffen konnte.
Die ersten Aufnahmen
Im ersten Jahr wechselten die Musiker um ihn herum noch häufig. Menschen kamen und gingen, und Ares maß diesen anfänglichen Unsicherheiten später keine große Bedeutung bei. Vrolok dagegen blieb schon bald an seiner Seite. Auf dem Demo Walk My Path von 1994 spielte er bereits Schlagzeug, während Ares neben der Gitarre auch den Bass selbst einspielte. Die drei frühen Stücke klangen noch roh, aber ihre Bilder deuteten bereits eine der später wichtigsten Eigenheiten von Aeternus an. Feuer und Wind, ein mit der Dunkelheit ringender Mensch und eine Macht, die die Wahrheit der Ewigkeit versprach, traten darin hervor. Die Natur bildete keine bloße Kulisse, sondern wurde selbst zur Macht; die Dunkelheit war nicht einfach eine Farbe, sondern ein innerer Zustand.
Ares' Stimme gehörte ebenso früh zu dieser Welt. Ursprünglich hatte er sich Aeternus als Death-Metal-Band vorgestellt, und tiefe Growls blieben für ihn selbstverständlich, auch als sich die Musik allmählich von den reinen Death-Metal-Mustern entfernte. Schon 1996 erklärte er, weder Death noch Black Metal im einfachen Sinn dieser Begriffe spielen zu wollen. Seine eigene Bezeichnung lautete Dark Metal: schnelle, aggressive Riffs und langsame, melodische Passagen, eine finstere Atmosphäre und tiefer Gesang. Er wollte kein neues Regelwerk für ein Genre aufstellen, sondern dem Gefühl einen Namen geben, nach dem er beim Musizieren suchte.
Die Kassette Walk My Path machte sich auf den für jene Zeit typischen Wegen auf die Reise. Es gab keine sozialen Medien, kein Streaming und keinen Augenblick, in dem sich eine neue Band mit einem einzigen Upload der ganzen Welt vorstellen konnte. Demos wanderten in Briefen und Tauschpaketen, über kleine Vertriebe und Fanzines von Hand zu Hand. So gelangte die Aufnahme auch zum tschechischen Label View Beyond Records. Die kleine Firma bot eine Gelegenheit, und 1995 erschien die Mini-CD Dark Sorcery. Ares versuchte später nicht, die äußere Gestaltung schöner darzustellen, als sie gewesen war. Auch er selbst fand das Design nicht besonders eindrucksvoll. Damals zählte jedoch vor allem, dass die Musik hinaus in die Welt gelangte. Ein anderes ernsthaftes Angebot lag nicht vor. Und die Veröffentlichung erfüllte ihren Zweck: Sie brachte die Band voran.
Das Trio und das erste Album
Dann kam Morrigan hinzu. 1996 zog sie aus England nach Norwegen, suchte eine Band und fand in Aeternus einen Platz, an dem sie rasch weit mehr wurde als nur die Bassistin. Sie spielte auch Keyboard und Klavier, schrieb später Musik und Texte und gab der Bildwelt der Alben mit ihrem eigenen Zeichensystem eine zusätzliche Dimension. Ares, Morrigan und Vrolok bildeten den Kern, aus dem die ersten beiden Studioalben hervorgingen.
Der Vertrag mit Hammerheart Records bedeutete bereits einen Schritt in eine andere Größenordnung. Für eine junge Band konnte die Zusage einer Plattenfirma wirken, als öffne sich vor ihr auf einen Schlag die Welt. Selbst 2006, nach vielen bitteren Erfahrungen, bestritt Ares nicht, dass sie damals jung und unerfahren gewesen waren und schon die bloße Tatsache eines Vertrags ausgereicht hatte, um sie zu begeistern. Die späteren Auseinandersetzungen lagen noch in weiter Ferne. Zunächst kam Beyond the Wandering Moon, das erste vollständige Album, und damit auch die erste wirkliche Reise durch Europa.
1997 besaß die Musik von Aeternus bereits einen unverkennbar eigenen Charakter. Die kalte Weite des Black Metal, die Schwere des Death Metal, Keyboards und lange, sich allmählich wandelnde Stücke ergaben eine Form, die die Band keineswegs auf schnelle Eingängigkeit trimmen wollte. Auf Tour zeigten sich jedoch sofort die praktischen Anforderungen dieser Musik. Die im Studio übereinandergeschichteten Gitarren verlangten auf der Bühne nach einem zweiten Gitarristen, weshalb Session-Musiker einsprangen. Aeternus spielten mit Emperor und Limbonic Art, teilten Bühnen und Tourwege mit anderen norwegischen Bands und erlebten Abend für Abend aufs Neue, wie viel Kraft in ihren langen Stücken lag – und wie schwer sich diese Kraft bei Konzerten gleichermaßen in Bewegung halten ließ.
Eine Zeit lang spielte Ares außerdem Bass bei Gorgoroth; 1998 begleitete er Immortal drei Wochen lang als Session-Musiker auf Tour. Solche Verbindungen behandelte er auch später nicht so, als bedeutete jede automatisch einen musikalischen Einfluss. Vielmehr standen sie für Erfahrungen, Bühnenroutine, menschliche Beziehungen und jenes eigentümliche Bergener Umfeld, in dem dieselben Leute zwischen verschiedenen Bands wechseln konnten. Als sich Aeternus dem zweiten Album zuwandten, waren sie längst kein bloßes Versprechen aus dem Proberaum mehr. Sie wussten, wie es war, auf europäischen Bühnen zu stehen, was geschah, wenn ein Stück für ein straffes Konzertprogramm zu lang wurde, und dass sie ihren eigenen Klang nicht verlieren wollten, nur weil es einfacher gewesen wäre, alles zu kürzen.
Bergen vor der Nacht
In Bergen fiel das Licht niemals auf dieselbe Weise ein wie in einer großen Stadt im Landesinneren. Das Wetter vom Meer her konnte das Bild der Berge und des Hafens innerhalb weniger Stunden verwandeln; zwischen den alten Holzhäusern von Bryggen und den modernen Straßen lagen die Vergangenheit der Handelsstadt und das Leben am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts ungewöhnlich nah beieinander. In der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre war Bergen nicht nur Sinnbild der rauen norwegischen Landschaft, sondern Hafenstadt, Universitätszentrum, Arbeitsort und Treffpunkt verschiedener Generationen. Die örtliche Universität gehörte schon seit Jahrzehnten zu den geistigen Zentren Westnorwegens. Die Stadt bereitete sich auf das Jahr 2000 vor, in dem sie eine der Kulturhauptstädte Europas sein sollte. Während das zweite Album der Band entstand, ließ sich das kulturelle Leben also keineswegs auf eine einzige Musikszene reduzieren.
Rund um den alten Handelshafen gehörte der Übergang zwischen Meer und Stadt weiterhin zum Alltag. Die Fjorde, Inseln und Bergketten Westnorwegens sorgten dafür, dass die Orte der Region anders miteinander verbunden waren als die Zentren eines flachen Landes. Seewege, Straßen und die von Bergen ausgehende Bahnlinie bedeuteten zugleich Verbindung und Entfernung. Regen, steile Berghänge, das geschäftige Treiben im Hafen oder eine Reise durch die Fjorde vermittelten einem Menschen aus Bergen ein anderes geografisches Lebensgefühl als der Alltag in Norwegens Hauptstadt. Das war eine wirkliche Umgebung und kein Schlüssel zur Entschlüsselung der Liedtexte. Es wäre verlockend, jede Melodie aus der Landschaft heraus zu erklären, doch so einfach macht es einem Aeternus' Musik nicht.
Die praktischen Voraussetzungen einer jungen Band werden durch etwas deutlicher, worüber Ares später selbst sprach: Zu Hause sammelte er mit der Gitarre und einem teilweise defekten Mehrspur-Kassettenrekorder Ideen und brachte sie anschließend zu seinen Mitmusikern. Die alltäglichen Wege zwischen Zimmer, Proberaum, Musikgeschäft und Konzertort gehörten damals zum gewohnten Arbeitsrhythmus unabhängiger Musiker. Kontakte erforderten viel Geduld: Briefe, kopierte Kassetten, Fanzines und in Paketen verschickte Tonträger trugen die Nachricht von einer kleinen Gruppe zum nächsten Hörer. Über die häuslichen Verhältnisse von Ares, Morrigan und Vrolok liegen keine so detaillierten Berichte vor, dass man ihren Alltag genau nachzeichnen könnte. Gerade deshalb erzählen die bekannten Einzelheiten über Kassetten, Proben und Tourneen so viel: Sie zeigen die Arbeit hinter der Musik, ohne das Privatleben mit erfundenen Geschichten auszuschmücken.
Norwegen lebte damals gleichsam in zwei verschiedenen Zeiten. Die beträchtlichen Einnahmen aus der Erdöl- und Erdgasförderung der vorangegangenen Jahre und die wirtschaftliche Belebung vermittelten das Bild eines vergleichsweise wohlhabenden Landes. Im Sommer 1998 drohten jedoch der Rückgang der internationalen Rohstoffpreise, die Erschütterungen der asiatischen Finanzkrise und die schwächer werdende Krone Folgen bis in den Alltag hinein. Die norwegische Zentralbank hob ihre Zinsen bis Ende August in mehreren Schritten deutlich an; Veränderungen in der Finanzwelt konnten sich über Kredite, Preise und unternehmerische Entscheidungen auf die Bevölkerung auswirken. Daraus folgt nicht, dass eines der Aeternus-Mitglieder genau unter solchen Belastungen litt. Es zeigt lediglich, dass hinter dem norwegischen Alltag des Jahres 1998 keineswegs ungestörte wirtschaftliche Sicherheit stand.
Zur selben Zeit machten auf dem Kontinent Ereignisse Schlagzeilen, die sowohl Hoffnung auf Versöhnung als auch neue Brüche erkennen ließen. Das nordirische Friedensabkommen vom April 1998 eröffnete die Möglichkeit, einen langen Konflikt zu beenden. Im Kosovo dagegen vertrieb die bewaffnete Gewalt Zehntausende, später Hunderttausende aus ihren Häusern. Nach der Asienkrise verstärkte auch der russische Finanzkollaps die Unsicherheit an den internationalen Märkten. Die Welt näherte sich der Einführung der gemeinsamen europäischen Währung Anfang 1999, während junge Bands noch Postadressen austauschten und manchmal tagelang auf einen Antwortbrief warteten.
Die archaischen Krieger des Albums gehören nicht zu den Gestalten dieses täglichen Nachrichtenstroms. Titel und Texte lassen sich nicht als Allegorien auf den Kosovokrieg oder die norwegische Zinspolitik lesen. Dennoch ist es wichtig, zwischen der vorgestellten Urzeit und dem tatsächlichen Entstehungsdatum zu unterscheiden. Ares und seine Mitmusiker nutzten Verkehrswege, Aufnahmegeräte, Briefwechsel und europäische Konzertreisen des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts, um eine Musik zu schaffen, die zuweilen aus einer viel älteren Epoche herzukommen scheint. In den Lautsprechern war die Nacht zeitlos; die Herstellung der Aufnahme gehörte dagegen ganz und gar einer bestimmten Zeit an.
Auf dem Weg zum zweiten Album
Die Stücke des zweiten Albums entstanden nicht aus einem einzigen großen Entschluss. Jahrzehnte später beschrieb Ares seine Methode, als würde er die Tür zu einem alten Zimmer öffnen: Er saß zu Hause mit seiner Gitarre, schrieb Riffs und nahm sie auf Kassette auf. Außerdem besaß er ein Vierspurgerät, bei dem eine Spur nicht richtig funktionierte. Heute mag eine solche technische Einschränkung beinahe romantisch wirken, damals war sie einfach Teil der Arbeit. Die Musik entstand nicht am Bildschirm. Da waren Tonband, Zurückspulen, erneutes Einspielen und schließlich das Mitnehmen der ausgearbeiteten Ideen in den Proberaum.
Dort wurden die Einfälle von mehr als einem Menschen weitergedacht. Morrigan und Vrolok hörten sich das Material an, die Musiker probten die einzelnen Teile gemeinsam, und nach und nach erhielten die Stücke die Form, in der sie schließlich auf Platte erschienen. In einem späten Interview erzählte Ares, wie sie sich diese alten Aufnahmen bisweilen bei Kaffee oder Bier anhörten, ehe die Band sie zusammen weiterentwickelte. Das Bild ist sehr viel alltäglicher, als die monumentale Stimmung des fertigen Albums vermuten lässt. Die Platte entstand nicht auf einem nebelverhangenen Berggipfel, sondern in einer Wohnung, auf Kassette und im Proberaum. Ihre archaische Welt wurde mit modernen, ganz handfesten Mitteln errichtet.
Nach Beyond the Wandering Moon wollten sie keineswegs einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung sagte Ares unmissverständlich: Das zweite Album sei eine Fortsetzung von Aeternus, aber mit dichterem, schwererem und druckvollerem Klang. Sie wollten eine größere Klangwand als auf dem Debüt und eine Atmosphäre, die sich tiefer im Hörer festsetzte. Zugleich durfte die Weiterentwicklung jene besondere Note nicht auslöschen, an der man die Band sofort erkannte. Ares nannte das später die Bewahrung des „Aeternus-Touch“.
Die innere Welt des Dark Metal
Damals gewann die Vorstellung von Dark Metal erst ihre volle Gestalt. Für Ares hatte die Dunkelheit viele Gesichter. Krieg, Ruhm, Stolz, Natur und die Geister der Nacht gehörten für ihn demselben inneren Bereich an. Er sprach nicht von einem Programm, das zunächst aufgeschrieben und dann in Musik übersetzt worden wäre. Es war vielmehr eine emotionale Quelle. Die Dunkelheit kam, wie er sagte, von innen und strömte durch die Musik. Brutalität und Erhabenheit waren keine zwei Gegenpole, die man künstlich miteinander verbinden musste. Für Aeternus war es ganz natürlich, beide in demselben Stück aufeinandertreffen zu lassen.
Aus demselben Grund spielte Folk eine wichtige Rolle. Ares verstand darunter nicht bloß das eine oder andere akustische Zwischenspiel. Die Atmosphäre der Volksmusik empfand er als alt und edel, als eine Kraft, aus der sich nicht nur sanfte Passagen, sondern sogar brutale Riffs speisen konnten. Dieser Gedanke wurde später besonders wichtig für das Verständnis der Platte. Wer darin nur nach akustischen Instrumenten sucht, könnte leicht meinen, Folk sei eine zusätzliche Schicht über dem Metal. Nach der eigenen Erklärung der Band lag er jedoch tiefer: als eine Art Erinnerung in Melodien und Stimmung.
Die Texte schöpften aus derselben Quelle. Kampf, Blut, Mond, Rabe, Feuer, Wind, Berge und uralte Kräfte kehren darin wieder. Ares nannte 1998 Krieg, Schlacht, Natur, Magie und Macht unter den emotionalen Ausgangspunkten des Albums. Den Krieg der Gegenwart setzte er mit diesem romantischen Bild allerdings nicht gleich. Er trennte ausdrücklich die Wirklichkeit moderner Kriege von jener archaischen, idealisierten Kampfatmosphäre, die ihn beschäftigte. Dieser Unterschied ist wichtig: Im Entstehungsjahr des Albums gab es zahlreiche reale Konflikte in der Welt, doch nichts belegt, dass sie unmittelbar in die Platte Eingang fanden.
Dennoch stand das Europa von 1998 im Hintergrund. In Nordirland wurde das Karfreitagsabkommen geschlossen, im Kosovo eskalierte die bewaffnete Krise, die russische Finanzkrise erschütterte die Märkte, und in Norwegen beherrschten der sinkende Kurs der Krone und die Zinspolitik die Nachrichten. Von Bergen aus betrachtet gehörte all das zur Wirklichkeit desselben Jahres. Die innere Zeit des Aeternus-Albums war jedoch nicht die politische Zeit von 1998. Sie blickte weit zurück auf eine imaginierte alte Welt, in der Natur, Kampf und Nacht nicht Gegenstände der Berichterstattung waren, sondern eine mythische Sprache bildeten.
Das Netzwerk des Undergrounds
Die Verbreitung der Musik dagegen war fest in ihrer Gegenwart verankert. Fanzines, per Post verschickte Interviews, Promo-CDs, brieflich geknüpfte Kontakte und gedruckte Magazine hielten den Underground in Bewegung. Der spätere Herausgeber von Aegis begann um 1998 herum mit der Organisation eines Fanzines. Als er sich Jahre später an diese Welt erinnerte, erschien ihm selbst die Langsamkeit der Post ganz selbstverständlich. In diesem Umfeld entstand das zweite Album von Aeternus: unmittelbar vor der großen Beschleunigung des Internetzeitalters, als die Nachricht von einer Platte noch Wochen oder Monate brauchte, um von einem Land ins nächste zu gelangen.
Unterdessen spürte die Band bereits das Gewicht des ersten Albums. Die langen Stücke, zahlreichen Riffs und mehrfachen Gitarrenspuren bedeuteten zugleich Möglichkeiten und Schwierigkeiten. Beim zweiten Album wollten sie davon noch nicht abrücken.
Im Gegenteil: Sie gingen auf demselben Weg weiter und verdichteten die Musik noch stärker. Erst später, bei der Arbeit am folgenden Album, wurde ihnen klar, dass sie diese Form nicht ein drittes Mal auf dieselbe Weise wiederholen wollten. Deshalb ist …And So the Night Became eine eigentümliche Platte: der Höhepunkt einer musikalischen Sprache, die ihre eigenen Grenzen bereits in sich trug.
Die Wege des Dark Metal
Mitte der Neunzigerjahre bedeutete norwegischer Extreme Metal längst nicht mehr dasselbe wie noch einige Jahre zuvor. Neben dem bewusst rauen, engen Klang eines Teils des frühen Black Metal suchten immer mehr Bands nach längeren Formen, Keyboard-Schichten, Melodien oder einer Sprache für uralte Geschichten. Die Grenzen zwischen den Genres verschwanden nicht, sie wurden durchlässiger: In demselben Land konnte eine Band den unmittelbaren Angriff betonen, während eine andere auf symphonischen Aufbau oder Erinnerungen an die Volksmusik setzte. Aeternus' eigene Bezeichnung Dark Metal gab dieser vielgestaltigen Entwicklung einen persönlichen Namen, ohne einen allgemeingültigen Begriff daraus machen zu wollen.
Bergen nahm in dieser Geschichte einen besonderen Platz ein. Immortal, Gorgoroth und Enslaved waren längst auch in der internationalen Extreme-Metal-Szene bekannte Namen. Das Musikleben der Stadt funktionierte jedoch nicht wie eine einzige Gemeinschaft, die sich um denselben Tisch versammelte. Eine Bekanntschaft aus dem Proberaum, ein Gastauftritt oder eine gemeinsame Tour konnten zwar echte Verbindungen begründen, bewiesen aber nicht, dass eine Band die musikalischen Vorstellungen der anderen übernahm. Bei Aeternus boten die Besetzung und die persönlichen Beziehungen den verlässlicheren Anhaltspunkt: Neben Ares prägten Vrolok und später Morrigan das besondere Gleichgewicht zwischen Gesang, Gitarre, Schlagzeug, Bass und Keyboards.
Dennoch begegnet einem der Name der Stadt auf Plattencovern immer wieder in den Studioangaben. Grieghallen und die Arbeit von Eirik „Pytten“ Hundvin schufen eine greifbare Verbindung zwischen norwegischen Aufnahmen, die musikalisch ganz unterschiedliche Wege einschlugen. Das Studio war kein geheimnisvolles Heiligtum: Es bestand aus Geräten, Mikrofonen, Aufnahmespuren, begrenzter Zeit und einer Reihe von Entscheidungen. Gerade deshalb ist es bemerkenswert, wie verschieden die Alben waren, die in derselben Stadt und unter ähnlichen professionellen Bedingungen entstanden. Neben den geschichteten Gitarren und dem tiefen Gesang auf …And So the Night Became fanden auch Klavier, Keyboards und die Klangfarben historischer Instrumente ihren Platz. Die Beiträge der Gastmusiker waren keine bloße Verzierung: Die unterschiedlichen Klänge gehörten zu demselben weiten, dunklen musikalischen Raum.
Der Weg der fertigen Platte führte aus dem Studio heraus durch mehrere Länder. Nach der früheren Veröffentlichung bei der tschechischen Firma View Beyond Records bedeutete das niederländische Label Hammerheart Records den nächsten Schritt. Das Unternehmen war 1995 noch als kleiner Underground-Betrieb gestartet, und die Arbeit solcher Firmen beschränkte sich nicht darauf, ein Logo auf eine Hülle zu drucken. Sie ließen Tonträger herstellen, verhandelten mit Vertrieben, verschickten Promokopien und machten Magazine und Veranstalter auf die Bands aufmerksam. In der europäischen Musikszene der späten Neunzigerjahre konnten der Brief eines Fanzine-Herausgebers, eine im Katalog ausgewählte CD und ein Gespräch nach einer Tour noch aufeinander aufbauende Kontakte darstellen. Einen einheitlichen Ablauf für alle Beteiligten darf man sich nicht vorstellen. Doch genau über diese Infrastruktur lassen sich die bekannten Label- und Konzertverbindungen von Aeternus verstehen.
Gleichzeitig wurde auch der internationale Metal-Markt vielfältiger. Berichte über skandinavischen Black Metal, das starke weltweite Netzwerk des Death Metal und melodischere, atmosphärische Strömungen fanden nebeneinander ihr Publikum. Aeternus schöpften nicht aus einer einzigen Schublade. Der tiefe Gesang kam aus dem Death Metal, die kühlen Gitarrenlinien und weit geöffneten Räume waren mit anderen nordischen Traditionen verwandt, während die folkloristische Atmosphäre einen dritten Weg eröffnete. Dieses Zusammentreffen war mehr als das mechanische Zusammenkleben verschiedener Genres: In den langen Stücken mussten sich die unterschiedlichen Passagen ablösen, ohne dass dabei die Spannung verloren ging.
Schon 1997 erlebten Ares und seine Mitmusiker auf Europatourneen, was das in der Praxis bedeutete. Es war eine Sache, einen Song mit übereinander eingespielten Gitarrenspuren aufzunehmen, und eine andere, seiner Entwicklung auf der Bühne dieselbe Kraft zu verleihen. Konzertorganisation, Reisen und die zeitweilige Unterstützung durch zusätzliche Musiker waren keine Nebengeschichten, die man der Musik nachträglich anhängte. Sie gehörten zu den Voraussetzungen dafür, die langen Formen auch live zu bewahren. Das zweite Album wurde nicht deshalb ausladender, weil eine Mode es verlangte. Vielmehr zeigte es, wie weit eine bereits entstehende eigene Musiksprache reichen konnte: mit den greifbaren Mitteln des alten norwegischen Undergrounds und zugleich mit den Möglichkeiten einer Band, die längst über Landesgrenzen hinweg gehört wurde.
Grieghallen
Schließlich gelangten die Stücke in die Grieghallen. In Bergen war dieser Name inzwischen mehr als eine bloße Studioadresse. Zahlreiche norwegische Aufnahmen aus der Geschichte des Extreme Metal waren damit verbunden, und die Arbeit von Eirik „Pytten“ Hundvin hatte einen solchen Ruf erlangt, dass man später leicht von einem fertigen „Grieghallen-Sound“ sprach. Ares widersprach dieser Vorstellung 2024 im Scherz. Es habe am Mischpult schließlich keinen großen roten Knopf mit der Aufschrift „Grieghallen Sound“ gegeben. Pytten habe diese Musik einfach verstanden, der Band zugehört, eigene Ideen eingebracht und sich ebenso sehr ein gutes Ergebnis gewünscht wie die Musiker selbst.
Das Ziel war jedenfalls klar. Ares wollte eine dichtere Klangwand, mehr Gewicht, eine tiefere Atmosphäre. Schon bei den frühen Platten hatten sie mit mehreren Gitarrenschichten und reichlich Hall gearbeitet; auf dem zweiten Album fand diese Methode ihre vollste Ausprägung. Im Studio blieb die Grundbesetzung schlicht: Ares spielte Gitarre und sang, Morrigan übernahm Bass, Keyboards und Klavier, Vrolok das Schlagzeug. Um sie herum kamen jedoch Gastinstrumente hinzu, die das Klangbild über die übliche Metal-Instrumentierung hinausführten.
K. Nordeide steuerte Laute, Clàrsach, ein crwth-ähnliches Streichinstrument, Leier, Dronepipes, Drehleier, Klavier, Gitarre und Schlaginstrumente bei. Torquemada spielte zusätzliche Kriegstrommeln, Janto ergänzte in zwei Stücken den Gesang. Diese Elemente waren nicht bloß exotische Effekte der letzten Nummer. Nach Ares' Erklärung konnte eine Folk-Atmosphäre schon im Komponieren angelegt sein; die alten Instrumente machten lediglich hörbar, was sich zuvor bereits durch die Riffs gezogen hatte.
Morrigans Rolle war besonders vielschichtig. Sie spielte nicht nur Bass und Keyboards. Bei zwei Stücken schrieb sie gemeinsam mit Ares die Musik, verfasste zwei Liedtexte und gestaltete außerdem das Cover. Die grafische Welt kam damit aus demselben inneren Kreis wie die Musik. Ares ließ sich später das Bandzeichen tätowieren, das Morrigan auf seinen Wunsch hin gezeichnet hatte. Als man ihn 2024 nach dessen Bedeutung fragte, gab er keine historische Erklärung, sondern nannte Gefühle und Vorstellungen: Dunkelheit, Einheit, Magie, Stärke und Macht. Das Äußere der Platte war somit keine bloße Verpackung. Es wurde zur sichtbaren Seite derselben Sprache.
Die Aufnahmen bedeuteten harte Arbeit. Dennoch erinnerte sich Ares zwanzig Jahre später mit Freude daran, besonders an die Zeit im Studio. Alle hätten solide Arbeit geleistet. In einem Interview von 2001 sagte er andererseits, dass er sich für die ersten beiden Alben ein besseres Mastering gewünscht hätte. Beide Erinnerungen können problemlos nebeneinander bestehen. Man kann stolz auf das Geschaffene sein und zugleich Dinge hören, die man aus heutiger technischer Sicht gern ändern würde.
Die Zusammenarbeit mit Pytten endete nicht mit dieser Platte. Aeternus kehrten immer wieder zu ihm zurück, und Jahrzehnte später sprach Ares bereits von mehreren gemeinsam aufgenommenen Alben. Der Klang von …And So the Night Became war also kein einmaliges Studiowunder, sondern ein früher, prägender Punkt einer langen Zusammenarbeit – zu einer Zeit, als die Band ihre erste musikalische Form noch bis an ihre größte Ausdehnung trieb.
Jenseits des Covers
Noch bevor der erste Titel erklingt, hat das Cover in der Vorstellung des Hörers bereits etwas ausgelöst. Seine Grundfarben sind Schwarz und Rot: Hinter dunklen Schichten zieht sich glühendes Licht entlang, als würde der Abgrund für einen Augenblick aufreißen. Es eröffnet sich keine klar erkennbare Landschaft, sondern eine Ansammlung rauchiger, übereinanderdrängender Flächen, die beinahe zu glühen scheinen. Dünne, geschwungene Linien ziehen durch die Bildmitte und über die Ränder. Sie lassen an Kreise, Überschneidungen und spitze pflanzen- oder metallartige Gebilde denken. Einen eindeutig bestimmbaren Gegenstand zeigen sie nicht; vielmehr halten sie den Blick vor dem dunklen Hintergrund fest.
Oben ist das rötliche, kaum zu entziffernde Bandlogo nicht bloß eine Aufschrift, sondern eine weitere Schicht verworrener Linien. Unten steht der Albumtitel in viel kleinerer, zerbrechlicher wirkender Schrift. Zwischen den Farben gibt es keinen ruhigen Übergang: Glut und Schwärze stemmen sich gegeneinander. Die helleren Bögen und Ringe des Bildes mögen unterschiedliche Assoziationen wecken. Es wäre jedoch ungenau, sie eindeutig als ein bestimmtes astronomisches Phänomen, einen rituellen Gegenstand oder ein historisches Zeichen zu bezeichnen. Morrigan gestaltete das Cover; seine Kraft liegt gerade darin, dass es sich nicht auf eine einzige Erklärung reduzieren lässt.
Ähnlich funktioniert die Musik. Eine Melodie, die aus dem dichten Geflecht der Gitarren hervortritt, hebt deren Schwere nicht auf, und langsamere Abschnitte nehmen der Musik nichts von ihrer Bedrohlichkeit. In den weit ausholenden Stücken stehen rot aufglühende Bildpartien und schwarzer Hintergrund in einem ähnlichen Verhältnis zueinander wie auflodernde Energie und lang gezogene Schatten im Klang. Das Cover liefert daher keine Auflösung für die Songs, sondern öffnet den Zugang zu derselben Welt. Zuerst hört das Auge die Nacht; im nächsten Augenblick übernimmt die Musik.
Und so wurde es Nacht
Wenn die Platte beginnt, hat sie es nicht eilig. Schon mit seinen mehr als dreizehn Minuten macht „There's No Wine Like the Blood's Crimson“ vom ersten Augenblick an klar, dass hier keine kurzen Geschichten erzählt werden. Spätere Hörer und Kritiker sprachen von einem langen, allmählichen Aufbau, bei dem die Musik einen Raum öffnet, als müsse erst die Landschaft gezeigt werden, bevor jemand die Schlacht betreten kann. Man braucht nicht jedes durch die Klänge hervorgerufene Bild wörtlich zu nehmen, um diese Geste zu verstehen: Aeternus wollen den Hörer nicht mit einem Refrain packen. Sie verlangen Zeit von ihm.
Das Schlachtfeld des Textes ist kein historisch bestimmbarer Ort. Ein blutroter Himmel, kalter Wind, noch nicht erkaltetes Blut, ein erhobener Hammer und ein Rabe treten hervor. Allmählich zeigt sich der Sprecher nicht mehr nur als Krieger, sondern als Verkörperung des Krieges, und am Ende erscheint auch der Name Ares. Besonders eindrücklich wird dieser Augenblick angesichts dessen, wie der Frontmann später über seinen Künstlernamen sprach. Zwischen Ronny Hovland und Ares lag für ihn stets eine emotionale Distanz. Der Bühnenname war nicht einfach eine Maske, die man aufsetzt, sondern jene Persönlichkeit, in der die mit der Musik verbundene Kraft freier zum Vorschein kommen konnte.
„As I March“ betritt von hier aus keine neue Welt, sondern dringt tiefer in dieselbe vor. Die Bilder werden persönlicher: Mondlicht, Berg, Schwert, Regen, Wind und Meer umgeben die Gestalt in Bewegung. Die Natur handelt selbst. Sie beobachtet den Krieger nicht aus dem Hintergrund, sondern atmet mit ihm. Im Text scheint der Berg beinahe einen Körper zu gewinnen, der Sturm antwortet, und die Kampfbewegung verwandelt sich in ein Ritual. Die gemeinsam von Ares und Vrolok geschriebene Musik zeigt hier jene innere Nähe zwischen Schlagzeug und Riff, die sich in der dreiköpfigen Band entwickelt hatte. Spätere Kritiken beschrieben den Song häufig als langsamer und schwerer; der Text schafft diese Schwere nicht durch Ereignisse, sondern durch Raum.
„Warrior of the Crescent Moon“ nähert sich von einer anderen Seite. Morrigan schrieb den Text und komponierte die Musik gemeinsam mit Ares. Wie eine rituelle Beschwörung reihen sich darin Zeichen aus der Natur und der Tierwelt aneinander: Rabe, Schlange, Wolf, Drache und der Schatten der Mondsichel. Sie erzählen keine Geschichte im herkömmlichen Sinn, sondern rufen eine Macht herbei. Spätere Kritiker hörten einen akustischen Beginn und einen Aufbau, der allmählich schwerer wird. Gerade an dieser Stelle wird Ares' Vorstellung von Folk besonders verständlich. In seinen Augen begann Folk nicht erst, wenn ein altes Instrument einsetzte. Er konnte bereits in der Stimmung hinter der Melodie liegen.
„Blodsverging“ wechselt ins Norwegische. Ares äußerte sich zur Verwendung der eigenen Sprache ganz einfach: Es sei nichts dagegen einzuwenden, auf Norwegisch zu singen. Im Text tritt an die Stelle des einsamen Einzelnen eine Gemeinschaft. Starke Seelen, durch Blut bekräftigter Stolz, Brüderlichkeit, Sturm, Schwert und die Achtung vor den Ahnen prägen die Bilder. Jantos Gastgesang könnte diesem Abschnitt noch deutlicher einen gemeinschaftlichen Klang gegeben haben. Das Album ist inzwischen nicht mehr die Vision eines einzelnen Kriegers. Es zeichnen sich die Umrisse einer vorgestellten alten Ordnung ab, in der Blut, Land und Gemeinschaft den Einzelnen miteinander verbinden.
Die zweite Hälfte des Albums
Nach der Mitte des Albums folgt „When the Crow's Shadow Falls“, und plötzlich geben die Quellen weniger preis. Das überlieferte Textmaterial enthält nicht den vollständigen Liedtext; sicher wissen wir nur, dass Morrigan ihn verfasste. Spätere Kritiken berichteten von uralten Melodien, einem bittersüßen Auftakt und einem anschließenden schnellen, intensiven Ausbruch. Eine Interpretation aus Fankreisen las darin etwas von gefallenen Kriegern und der Würde des Todes. Dies lässt sich jedoch nicht als Absicht der Autorin ausgeben. Vielleicht bewahrt gerade diese Lücke die besondere Stellung des Stücks auf der Platte: Über die Musik kann man vieles sagen, während sich der Text nicht mehr vollständig erschließt.
„Ild Dans“ gehört dagegen zu den am besten dokumentierten Momenten des Albums, weil Ares selbst 1998 ausführlich darüber sprach. Er erklärte, dies sei das Stück, das sich am weitesten von einem gewöhnlichen Aeternus-Song entferne und doch vollkommen Aeternus bleibe. Sein norwegischer Text handelt von einem Feuer, das heiligen Boden verschlingt. Zahlreiche Melodien, akustische Gitarre und am Ende klarer Gesang sind zu hören. Ares hätte sich sogar einen Dudelsack gewünscht, doch dazu kam es letztlich nicht. Später erwähnte er diese versäumte Möglichkeit beinahe bedauernd.
Das Feuer bedeutet in diesem Song nicht nur Zerstörung. Etwas erwacht unter der Erde, Wind und Flammen geraten in Bewegung, und der heilige Ort verwandelt sich in Asche. Auch spätere Kritiken hoben die Spannung zwischen klarem und rauem Gesang, akustischem und verzerrtem Klang als einen der stärksten emotionalen Momente des Albums hervor. Ares mochte das Stück gerade deshalb, weil es anders war. Damit brachte er beinahe unabsichtlich einen Wesenszug der Platte auf den Punkt: Dark Metal bedeutete für sie nie, dass alles auf dieselbe Weise dunkel sein musste.
Das Titelstück „…And So the Night Became“ wendet sich bereits dem Ende zu. Ares und Morrigan schrieben die Musik gemeinsam, der Text stammt von Ares. Kalte Erde, geschwärzte Seelen, verbotene Gedanken und Stürme erscheinen, ehe die Bilder in einen Aufstieg übergehen. Die Nacht ist hier nicht mehr einfach eine Tageszeit oder eine Stimmung. Sie wird zu einem Raum, in dem etwas aus der Erde zurückkehrt, Brüder einander begegnen und die Dunkelheit sie in Bewegung setzt. In zeitgenössischen Äußerungen maß Ares der Nacht stets eine besondere Kraft bei. Er beschrieb sie als das andere Gesicht der Natur, das nur spüre, wer dafür offen sei.
Das Schlussstück
Doch selbst hier endet die Platte noch nicht. In „Fyrndeheimen“ verschwindet der Gesang, und jene Welt alter Instrumente tritt hervor, die sich bis dahin teilweise hinter den Riffs verborgen hatte. In der gemeinsamen Komposition von Ares und K. Nordeide öffnen Laute, Streichinstrumente, harfenähnliche Klänge, Dronepipes, Klavier und Schlagwerk einen andersartigen Raum. Spätere Kritiken hörten darin eine Renaissance- oder archaische Atmosphäre. Den genaueren Schlüssel bietet jedoch Ares' eigenes Verständnis von Folk: Für ihn trug diese Musik etwas Altes und Edles in sich. Das Schlussstück ist deshalb kein Anhang, nichts Fremdes, das man nach dem Metal noch hinzugefügt hätte. Es legt vielmehr die Verzerrung ab und macht jene Quelle sichtbar, aus der auch andere Teile des Albums schöpfen.
So schließen sich die acht Stücke nicht als acht voneinander getrennte Geschichten zusammen. Aus dem Schlachtfeld wird ein Berg, aus dem Berg ein Ritual, aus dem Ritual eine Gemeinschaft, dann Feuer und Nacht und schließlich eine musikalische Erinnerung, die ohne Worte auskommt. Rückblickend wird der Albumtitel fast zu einem vollständigen Satz: Es geht nicht einfach darum, dass die Nacht hereinbricht, sondern darum, wie die Dunkelheit nach all den vorangegangenen Bildern und Klängen Gestalt angenommen hat.
Als die Platte das Studio verließ
Im Herbst 1998 war aus der Musik ein greifbarer Tonträger geworden. Unter der Hammerheart-Katalognummer HHR 023 machte er sich als Digipak-CD, auf anderen Märkten auch als Vinyl- und Kassettenausgabe, auf den Weg durch dasselbe langsame Netzwerk, das einige Jahre zuvor schon die Kassette Walk My Path von Hand zu Hand weitergereicht hatte. Nur der Maßstab hatte sich verändert. Aeternus waren im Underground inzwischen ein bekannter Name, hatten Tourneen gespielt, und ihr zweites Album gelangte zu Magazinen und Fanzines, die darin nicht mehr das Versprechen eines ersten Demos suchten, sondern den nächsten Schritt einer bereits gewachsenen Band.
Eine zeitgenössische Kritik bei Chronicles of Chaos vergab neun von zehn Punkten. Für den Rezensenten war die Platte so dicht, dass ständig etwas geschah; man sollte sie nicht bloß anhören, sondern ganz in sie eintauchen. Diese frühe Reaktion ist interessant, weil ihr noch die Gewissheit des späteren Kultstatus fehlt. Der Schreiber wusste nicht, was das Album zehn oder zwanzig Jahre später bedeuten würde. Er nahm lediglich wahr, dass die Musik groß, dunkel und reich an Einzelheiten war.
In den folgenden Jahren wurde dieser erste Eindruck langsam umgeschrieben. 2004 begegnete Eternal Terror der Platte bereits als Wiederveröffentlichung und hörte darin zugleich die größere Schwere des Death Metal und das alte Dark-Metal-Fundament. 2011 wandte sich die Reihe Lazarus Pit des Magazins Decibel auf der Suche nach einem vergessenen Klassiker dem Album zu. Der Autor sah im zweiten Werk einen Höhepunkt von Aeternus und empfand es als historische Brücke zwischen der norwegischen zweiten Welle und dem späteren atmosphärischeren Extreme Metal. Hier wurde anders gehört: nicht mehr als unmittelbare Reaktion auf eine Neuerscheinung, sondern im Rückblick auf eine Zeit, die inzwischen Geschichte geworden war.
2012 beschrieb ein Autor von Contaminated Tones die gesamte Platte beinahe wie eine Reise. Die Bewegungen zwischen den Stücken, die Abfolge von Schlachtfeldern, alten Melodien und rituellen Bildern wirkten auf ihn wie eine geschlossene Erzählung. Später verwendeten ausführliche Fankritiken auf Metal Archives sowie türkische, deutsche und andere Rückblicke immer häufiger Begriffe wie Meisterwerk, Kultklassiker oder unterschätzt. Das sind keine objektiven Tatsachen. Sie dokumentieren aber, wie sich der Platz des Albums in der Erinnerung veränderte.
Die größeren norwegischen Namen standen Aeternus lange teilweise im Licht. Die Band gelangte nie in dieselbe zentrale Mythologie, die sich um Immortal, Emperor und andere Vertreter der zweiten Welle bildete. Gerade deshalb war die spätere Entdeckung von …And So the Night Became für viele Hörer ein persönlicheres Erlebnis: Sie begegneten der Platte nicht als einem Pflichtwerk des Kanons, sondern beinahe so, als hätten sie selbst etwas Vergrabenes ausgegraben. Die Begeisterung späterer Rezensionen speist sich zum Teil aus diesem Gefühl der Entdeckung.
Ares selbst neigte weit weniger dazu, die Platte zum Mythos zu erheben. 2001 sagte er, er möge die ersten beiden Alben und sei stolz auf sie, wünsche sich aber ein besseres Mastering. 2018, als das Album zwanzig Jahre alt wurde, sprach er schlicht von guten Erinnerungen an die Aufnahmen. Die Stimme der Band bildet damit einen nüchternen Gegenpol zum späteren Fankult. Sie behauptet nicht, man habe 1998 gewusst, dass ein Klassiker entstehe. Sie sagt nur: Sie arbeiteten, versuchten ihre eigene Musik dichter und kraftvoller zu machen und standen auch später noch zu dem Ergebnis.
Nach dem Album
Das Merkwürdigste ist, dass sich Aeternus von dieser Form gerade in dem Augenblick abwandten, als sie sie vollständig verwirklicht hatten. Schon im Januar 2000 erklärte Ares deutlich, weshalb ein Wandel nötig geworden war. Auf den ersten beiden Alben hatten sie sich auf sehr lange, langsame Stücke und tiefe Atmosphären konzentriert. Mehrere Gitarren, viel Hall und ausgedehnte Riff-Folgen errichteten die Klangwand. Im Studio konnte das überwältigend wirken, doch innerhalb der Band stellte sich immer häufiger die Frage: Was sollte bleiben, was konnte weg, und wie ließ sich ein acht oder neun Minuten langes Stück kürzen, ohne es zu beschädigen?
Das Touren verschärfte das Problem noch. In einem Konzert vergeht die Zeit anders als unter Kopfhörern. Aus den alten Stücken ließ sich nur schwer ein straffes Programm zusammenstellen. Auch der ständige Wechsel der Session-Gitarristen machte deutlich, dass sich ein im Studio aufgebauter Klang nicht einfach auf die Bühne übertragen ließ. Als Radek als fester zweiter Gitarrist dazukam, gewann die Band live an Stabilität und wurde zugleich offener dafür, anders zu komponieren.
Shadows of Old wurde deshalb keine Verleugnung von …And So the Night Became, sondern eine Antwort darauf. Es entstanden kürzere, direktere und stärker vom Death Metal geprägte Songs. Ares sagte später, es wäre beinahe langweilig geworden, noch ein Album in derselben Form wie die ersten beiden zu machen. Hinter der Entscheidung stand keine Scham, sondern Neugier. Die Band wollte wissen, was von Aeternus übrig bliebe, wenn die langen Einleitungen und zahlreichen Schichten wegfielen und der Angriff unmittelbarer wurde.
In den folgenden Jahren bewegte sich die Musik noch weiter in Richtung Death Metal. Zur Zeit von Ascension of Terror bestand Ares allerdings darauf, dass sie nicht einfach eine Death-Metal-Band werden wollten. Die kürzeren Stücke und Death-/Thrash-Elemente waren Mittel zum Zweck, keine neue Identität. Die Ära der ersten beiden Alben war dennoch beendet. In einem Interview von 2001 sprach er es beinahe ausdrücklich aus: Die Zeit der langen Songs mit unzähligen Riffs war vorbei.
Morrigans Ausstieg gab dieser Grenze auch ein menschliches Gesicht. Die Quellen stimmen beim genauen Jahr nicht überall überein, doch aus zeitgenössischen Interviews lässt sich schließen, dass um 2001 klar wurde, dass sie nicht mehr mit dem Bass auf der Bühne stehen würde. Bei einem der ersten Konzerte ohne sie stand sie in der ersten Reihe des Publikums. Dieses Bild ist zugleich schön und endgültig. Das klassische Trio, das die ersten beiden Alben geschaffen hatte, verschwand nicht infolge eines feindseligen Bruchs; vielmehr entschied sich eines seiner Mitglieder für ein anderes Leben und einen anderen musikalischen Weg.
Unterdessen veränderte sich auch das Verhältnis zu Hammerheart. Für die junge Band war das Label einst eine Chance gewesen: Studio, Tourneen, Vertrieb. Später sprach Ares zunehmend scharf über die geschäftliche Seite. Besonders empfindlich wurde das Thema mit den Wiederveröffentlichungen von 2004. Nach Darstellung der Band wurden die frühen Platten remastert und neu herausgebracht, ohne dass die Musiker daran wesentlich beteiligt gewesen wären. 2006 riet Ares allen, die die Möglichkeit hätten, bei den Originalfassungen zu bleiben. Trotz dieses Ärgers darf man die früheren Jahre nicht ausradieren: Er selbst hatte zuvor eingeräumt, dass das Label Tourneen unterstützt und die Band aus der Zusammenarbeit viel gelernt hatte.
So begann das Album ein weiteres Leben, teilweise unabhängig von der Band. Tour-Editionen, Kassetten, regionale CD-Ausgaben, Fassungen von Karmageddon und Candlelight sowie später Neuauflagen von Soulseller erschienen. Jedes neue Exemplar trug dieselbe Musik in eine andere Epoche. In den Neunzigerjahren konnte man die Platte noch zwischen Fanzine-Adressen und Bestellformularen per Post entdecken; zwei Jahrzehnte später machten digitale Kataloge und neue Vinyl-Ausgaben sie wieder sichtbar.
Was von der Nacht blieb
Mit der Zeit führte ein merkwürdiger Weg Aeternus zurück zur eigenen Vergangenheit. Während der Nullerjahre entfernte sich die Band lange vom Klang und der Atmosphäre der ersten beiden Alben. Doch diese Distanz bedeutete nicht, dass die alte musikalische Sprache verloren war. Um 2013 sprach Ares bereits davon, wieder nach bestimmten Elementen der Anfangszeit zu suchen. Nicht, weil er genau dieselben Stücke noch einmal schreiben wollte, sondern weil er spürte, dass in der tiefen, dunklen Atmosphäre der Neunzigerjahre etwas geblieben war, das auch die Death-Metal-Phase nicht vollständig ersetzen konnte.
Zur Zeit von Heathen wurde diese Absicht noch deutlicher. In mehreren Interviews von 2018 sagte Ares, sie hätten versucht, den alten Gitarrenklang und die Atmosphäre der frühen Alben zurückzuholen und zugleich neue Riffs und Gedanken zu entwickeln. Das ist ein wichtiger Unterschied. Die Rückkehr war keine nostalgische Kopie, sondern die Erkenntnis, dass sich ein älteres schöpferisches Instrumentarium erneut verwenden ließ.
Im selben Jahr feierte …And So the Night Became seinen zwanzigsten Geburtstag. Ares schrieb darüber keinen langen autobiografischen Essay. Er erwähnte nur schöne Erinnerungen, das Studio, die harte Arbeit und die gute Leistung aller Beteiligten. Vielleicht sagt gerade diese Zurückhaltung viel aus. Für ihn war die Platte nicht zu einem heiligen Gegenstand geworden, den er mit jedem Satz verteidigen musste. Sie blieb Teil eines Weges, von dem später auch andere Richtungen ausgingen.
2023 kehrten Morrigan und Vrolok beim dreißigjährigen Bandjubiläum in Bergen als Gäste zurück. Sie spielten nicht das Album von 1998 von Anfang bis Ende; Ares kann solchen Nostalgieabenden ohnehin nicht besonders viel abgewinnen. Als die früheren Mitglieder jedoch wieder auf derselben Bühne standen, war die frühe Zeit plötzlich kein Archiv mehr, sondern Gegenwart. Ares erinnerte sich später daran, wie gut es gewesen sei, die alte Stimmung noch einmal zu spüren.
Im folgenden Jahr ließ er in einem ausführlichen Interview den Gesprächspartner noch näher an die greifbaren Erinnerungen der Platte von 1998 heran. Zur Sprache kamen der alte Vierspurrekorder mit seiner defekten Spur, die Kassetten, der Proberaum und das gemeinsame Anhören. Auch Morrigans Sigille wurde erwähnt, die Ares auf der Brust trägt. Mit dem Zeichen verband er Dunkelheit, Einheit, Magie, Stärke und Macht. Fünfundzwanzig Jahre nach dem Album kehrten dieselben Worte zurück, mit denen die junge Band einst das Wesen ihres Dark Metal zu umschreiben versucht hatte.
Vielleicht ist …And So the Night Became gerade deshalb mehr geblieben als bloß ein frühes Album. Nicht, weil sich jeder spätere Aeternus-Song daraus ableiten ließe. Im Gegenteil: Die Band ging danach andere Wege. Die Bedeutung der Platte liegt darin, dass sie an einem einzigen Punkt den ersten großen schöpferischen Impuls von Aeternus ganz sichtbar machte. Der tiefe Death-Metal-Gesang, die aus dem Black Metal vertraute kalte Weite, die Erinnerung an Folk, lange Kompositionen, Natur- und Kampfbilder, Morrigans Melodien und grafische Gestaltung, Vroloks Schlagzeug, Pyttens Studio, die Erfahrungen der Tourneen und Ares' beharrliche Bindung an seine eigene Dunkelheit kamen in ein und demselben Werk zusammen.
Spätere Kritiker bezeichneten es mal als Black-/Death-Klassiker, mal als atmosphärischen Vorläufer, mal als verlorenes Meisterwerk. Solche Etiketten ändern sich, so wie sich auch die Hörer ändern. Aus den eigenen Aussagen der Band ergibt sich ein einfacheres Bild. Ares wollte ein zweites Album, das dichter, schwerer und besser als das erste sein sollte und dennoch unverkennbar nach ihnen klang. Bei der nächsten Platte wollte er anders arbeiten. Und Jahrzehnte später griff er erneut zu jener Atmosphäre, von der er sich einst abgewandt hatte.
Die Nacht blieb deshalb nicht als abgeschlossene Geschichte zurück. Eher wie ein Klang, der von Zeit zu Zeit wiederkehrt. Er steckt in den alten Kassetten, den Erinnerungen an Grieghallen, dem von Morrigan gezeichneten Zeichen, den Fragen zum zwanzigjährigen Jubiläum, den Rillen der Neuauflagen und in jenen Hörern, die die Musik Jahrzehnte später zum ersten Mal entdecken. Vielleicht wirkt der Albumtitel deshalb noch immer so gut. Er sagt nicht einfach, dass die Nacht gekommen sei. Er sagt: Und so wurde es Nacht. Als wären wir am Ende eines Vorgangs angelangt und bemerkten erst dort, dass sich die Welt um uns herum unterwegs verändert hat.
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