The Dynamic Gallery of Thoughts – Die dynamische Galerie der Gedanken
Die Geschichte des außergewöhnlichen finnischen Debüts: von der Küstenstadt über die Studioarbeit und acht Stücke bis zum späteren Nachleben – mit Analyse des Originalcovers.

I. Die Anfänge und ihre Zeit
Die Stadt mit zwei Namen für denselben Ort
Pietarsaari und Jakobstad waren keine zwei verschiedenen Städte. So hieß derselbe Ort am Bottnischen Meerbusen auf Finnisch und Schwedisch: zwei Namen, hinter denen Jahrhunderte des Zusammenlebens lagen. In diesem Küstengebiet Westfinnlands war Schwedisch keine fremde Besuchersprache. Es war die Sprache von Familien, Schulen, Zeitungen und Gemeinschaften; daneben gehörte auch Finnisch zum Alltag. Landesweit machten Menschen mit Schwedisch als Muttersprache 1995 etwa 5,8 Prozent der finnischen Bevölkerung aus, in den Städten und Dörfern an der Westküste konnte ihr Anteil jedoch wesentlich höher liegen. Wer in diesem Umfeld aufwuchs, erlebte Mehrsprachigkeit nicht unbedingt als besondere Idee, sondern als Selbstverständlichkeit der Straßenschilder, der vertrauten Namen und der eigenen Umgebung. Wie sich das im persönlichen Leben der einzelnen Musiker niederschlug, könnten allerdings nur deren eigene Erinnerungen belegen.
Das Gesicht der Stadt wurde nicht allein vom Meer, sondern ebenso von der Industrie geprägt. Neben der alten Hafen- und Schiffbautradition hinterließen Holzwirtschaft, Zellstoff- und Papierherstellung sowie weitere verarbeitende Betriebe ihre Spuren im Stadtleben. Im Industriegebiet Alholmen wurde seit dem späten neunzehnten Jahrhundert mit Holz gearbeitet; in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts waren Papier und Zellstoff zu einem der wichtigsten wirtschaftlichen Standbeine der Stadt geworden. Wer Pietarsaari nur auf der gefühlten Landkarte eisigen skandinavischen Metals sucht, übersieht leicht diesen viel greifbareren Hintergrund: Fabriken, Arbeitsplätze, Hafen, Wohnviertel, Schulen, Entscheidungen nach dem Schulabschluss und den gewöhnlichen Alltag des Arbeitswegs.
Mitte der neunziger Jahre setzten sich zudem die früheren Jahrzehnte industrieller Sicherheit nicht einfach fort. Nach der eigenen historischen Darstellung der Stadt brachte der Beginn des Jahrzehnts einen wirtschaftlichen Rückgang, in dessen Folge auch staatliche und kommunale Dienstleistungen eingeschränkt wurden. Zugleich gab es in derselben Geschichte Zeichen eines Neubeginns. Das nach historischem Vorbild gebaute und 1992 vom Stapel gelaufene Schiff Jacobstads Wapen unternahm im Mai 1994 seine erste Fahrt; im Oktober desselben Jahres weihte die Stadt ihre Fußgängerzone ein. Der Erinnerung an die Vergangenheit und der Erneuerung des Stadtzentrums galt gleichermaßen Aufmerksamkeit, während die wirtschaftlichen Schwierigkeiten keineswegs mit einem Schlag verschwanden. Die regelmäßige Fährverbindung zwischen Pietarsaari und Schweden wurde nach mehr als drei Jahrzehnten eingestellt; in der örtlichen Erinnerung blieb das gegenüberliegende Ufer dennoch nah.
1998 setzte einen besonders sprechenden Schlusspunkt unter eine alte Industriegeschichte. Die örtliche Tabakproduktion unter dem Namen Strengberg, deren Anfänge bis ins achtzehnte Jahrhundert zurückreichten, endete in diesem Jahr. Das Werk war einst einer der größten Arbeitgeber der Stadt gewesen, seine Gebäude gehörten zum Bild des Zentrums. Ob die Schließung Mitglieder von …And Oceans persönlich betraf, wissen wir nicht. Sicher ist jedoch, dass das Jahr des ersten Albums auch in der Geschichte der Heimatstadt einen Einschnitt bedeutete. Die Entstehung einer neuen künstlerischen Stimme und das Ende einer langen industriellen Tradition fanden unabhängig voneinander zur selben Zeit am selben geografischen Ort statt.
Prolog – Vor dem Meer
In Pietarsaari war das Meer nie wirklich fern. Am Stadtrand lagen Kälte und Salz noch in der Luft, dazu jenes eigentümliche nordische Licht, das die Häuser im Winter beinahe nicht erhellte, sondern nur ihre Umrisse nachzeichnete. Viele Jahre später versuchte Timo Kontio in einem Tourbus, sich an die Anfänge zu erinnern. Inzwischen lagen ganze Jahrzehnte hinter dem Bandnamen. Doch zu Beginn gab es weder eine Galerie noch einen Ozean noch sinfonischen Black Metal. Nur ein paar junge Menschen, die laut spielen wollten.
Ende der achtziger Jahre war Metal für sie noch keine Geschichte. Er war Gegenwart, etwas, das man nicht analysierte, sondern machte. Deutscher Thrash, Death Metal, Proberäume, Demos, Kassetten, Namen, die in einer Woche noch wichtiger schienen als alles andere und in der nächsten bereits an der Tür einer anderen Band standen. Festerday wurde der wichtigste davon. Sie spielten brutalen Death Metal, gaben Konzerte, machten Demos und lernten dabei allmählich, was sich nur über Jahre lernen lässt: im Studio, auf der Bühne und im Miteinander.
Später sagten sie, sie seien keinem Trend gefolgt. Es sei nicht so gewesen, dass sie an einem Morgen als Death-Metal-Musiker erwachten und am nächsten als Black-Metal-Musiker. Die Musik um sie herum veränderte sich, sie veränderten sich mit ihr und wollten immer weniger dieselben Klischees wiederholen. Dennoch verband sie mit Festerday eine gewisse Nostalgie. Namen der ersten Bands bedeuten mit der Zeit auf seltsame Weise mehr, als sie ursprünglich bedeuten sollten. Sie bewahren Erinnerungen: kalte Proberäume, die ersten Riffs, misslungene Aufnahmen, eine Zeit, in der noch niemand wusste, was aus all dem werden würde.
Dann kam 1995. Die alte Geschichte ging nicht einfach weiter. Eine neue begann. Ihr Name klang, als stünde er mitten in einem Satz: …And Oceans.
Kapitel I – Die drei Punkte
Die drei Punkte waren das Wichtigste an diesem Namen. Sie verrieten nicht, was davor stand. Sie zwangen dem Hörer kein Bild auf. Von Satan, Blut, Hölle oder einem anderen leicht erkennbaren Schlagwort des Black Metal war keine Rede. Neptune erzählte später lachend, man habe genug von all den Namen mit „evil“ und „true“ gehabt. Sie wollten etwas Eigenes. Timo erinnerte sich daran, dass der Name zum Nachdenken anregen sollte: Jeder konnte die fehlenden Worte selbst ergänzen.
Diese Leerstelle wurde zu ihrem ersten Programm. Die Band wollte niemandem vorschreiben, wie er sie zu betrachten hatte. Auch vom Corpsepaint verabschiedeten sie sich. Früher hatten sie es in mehreren Farben getragen, dafür sogar einen eigenen Gestalter gehabt, doch irgendwann erschien ihnen die Sache zu aufwendig und zu einschränkend. In einem Interview von 1998 wehrte sich K-2T4-S bereits entschieden gegen eine solche Einordnung: Er verstand, warum man sie Black Metal nannte, wollte aber nicht, dass die ideologischen Versatzstücke des Genres die Band bestimmten.
Mit den Sprachen verhielt es sich ähnlich. Finnisch, Schwedisch und Englisch kamen vor, früher auch Deutsch und Latein; auf dem Debüt tauchte zudem Französisch auf. Nicht weil jemand am Schreibtisch ein ausgefeiltes mehrsprachiges Kunstkonzept entworfen hätte. Die Sprachen waren schlicht Teil ihres Lebens. Laut K-2T4-S gaben sie den Texten eine andere Tiefe und förderten den Fluss der Gedanken. Jahrzehnte später formulierte Timo es viel einfacher: Der Sänger sprach Finnisch und Schwedisch, Englisch war die Sprache des Metal, und Französisch blieb vor allem in einem Titel erhalten.
Eine zweisprachige Küste, ein weiterer Norden
Pietarsaari liegt an der Küste des historischen Österbotten, auf Finnisch Pohjanmaa. Dieses Gebiet muss vom wesentlich größeren Raum unterschieden werden, den man umgangssprachlich als Nordwestfinnland bezeichnet: Verwandte geografische Namen finden sich heute in mehreren Regionen. Für die Stadt und ihr Umland war der Bottnische Meerbusen nicht nur Landschaft, sondern auch Erinnerung an alte Handelsverbindungen. Finnische und schwedische Sprache, Schifffahrt, örtliche Industrie und verwandtschaftliche oder wirtschaftliche Beziehungen über Grenzen hinweg gaben der Gegend ihren besonderen Charakter.
Aus dieser Umgebung betrachtet deckten sich nationale Zugehörigkeit und gesprochene Sprache nicht immer genau. Innerhalb des finnischen Staats existierte eine ausgedehnte schwedischsprachige Gemeinschaft, zugleich war Finnisch allgegenwärtig. Finnlandschwede zu sein ist nicht dasselbe wie die schwedische Staatsangehörigkeit zu besitzen, und ein auf Schwedisch verfasster Text erzählt nicht zwangsläufig eine Geschichte aus Schweden. Diese Unterscheidung ist für das Verständnis der mehrsprachigen Bandtexte wichtig: Die Worte konnten aus verschiedenen Sprachen stammen, während die Gruppe weiterhin eine Band aus Finnland blieb. Über das künstlerische Ziel und die Wahl einzelner Sprachen entscheiden jedoch die bereits in dieser Erzählung herangezogenen Aussagen der Musiker; der gesellschaftliche Hintergrund erlaubt es nicht, ihnen nachträglich Absichten zu unterstellen.
Ein weiteres wichtiges Merkmal der Küstenkleinstadt war ihre überschaubare Größe. Den jungen Menschen stand nicht unmittelbar die schier unendliche Auswahl großer Metropolen offen, sondern ein begrenztes Netz örtlicher Einrichtungen, umliegende Orte und weitere Verbindungen innerhalb Finnlands. Die Entfernungen zwischen nördlichen Städten, die unterschiedlichen sprachlichen Prägungen der Landesteile und die Möglichkeiten junger Erwachsener außerhalb der Metropolen verleihen auch der Geschichte selbstorganisierter Musik einen räumlichen Rahmen. Daraus folgt aber keineswegs, dass die konkreten Proben, Reisen, Arbeitsplätze oder Familienverhältnisse der Band bekannt wären. Für solche Einzelheiten verfügt dieses Projekt über keine überprüften Angaben aus erster Hand. Die Erzählung darf sie nicht durch erfundene Schauplätze oder Gespräche ersetzen.
Finnland nach der Krise: 1995–1998
Als jene Jahre begannen, die zum ersten Album von …And Oceans führten, versuchte sich Finnland von einer außergewöhnlich schweren Wirtschaftskrise zu erholen. Anfang der neunziger Jahre war die Wirtschaft des Landes schlagartig geschrumpft. Zeitgenössische Finanzanalysen beschrieben das Zusammenwirken einer Banken- und Kreditkrise, zusammengebrochener Nachfrage, außenwirtschaftlicher Schocks und eines erschütterten Arbeitsmarkts. Um 1993 erreichte die Rezession ihren Tiefpunkt; die Arbeitslosigkeit sank jedoch wesentlich langsamer, als die Produktion wieder zu wachsen begann. Eine internationale Analyse von 1995 bezifferte die finnische Arbeitslosenquote für 1994 auf 18,4 Prozent, die der 15- bis 24-Jährigen auf 33,6 Prozent. Das sind landesweite Werte, keine Angaben über die persönlichen Verhältnisse der Musiker. Sie zeigen aber, unter welch schweren Einschränkungen viele junge Menschen einen Beruf oder eine Lebensgrundlage finden mussten.
Dennoch verharrte das Land nicht in einem einzigen Zustand. Ab 1994 gaben die Industrieexporte und die Erholung der Wirtschaft zunehmend Anlass zur Hoffnung. Im Sommer 1998 berichtete die OECD für die vier Jahre seit dem Tiefpunkt von 1993 bereits von einem durchschnittlichen realen Wirtschaftswachstum von beinahe fünf Prozent pro Jahr. Das bedeutete nicht für alle Menschen sofort einen neuen Arbeitsplatz oder Sicherheit. Aufschwung und hohe Arbeitslosigkeit bestanden nebeneinander. Dieser Unterschied ist wesentlich: Finnland war Mitte der neunziger Jahre nicht einfach ein „armes, dunkles“ Land, sondern eine Gesellschaft im schnellen Wandel, in der wirtschaftlicher Neubeginn, Erinnerungen an verlorene Arbeitsplätze und die technologischen Versprechen der Zukunft gleichzeitig gegenwärtig waren.
Die Krise prägte auch die Möglichkeiten staatlicher Dienstleistungen und kommunaler Einrichtungen. Wer damals jung war, für den waren Ausbildung, Arbeitssuche oder der Auszug aus dem Elternhaus nicht bloß private Angelegenheiten; sie hingen mit dem größeren Arbeitsmarkt und den Möglichkeiten des Wohnorts zusammen. Spätere sozialhistorische Forschungen zeigten, dass Arbeitslosigkeit in jungen Jahren langfristige Folgen haben kann. Nicht jedes Kunstwerk der neunziger Jahre lässt sich daraus erklären; noch weniger kann man den Klang einer Band aus einer Wirtschaftsgrafik ableiten. Das Umfeld macht vielmehr sichtbar, dass dieses Album nicht außerhalb von Zeit und Gesellschaft entstanden ist.
Gleichzeitig wurde Finnland bis 1998 zu einem der europäischen Zentren schnellen technologischen Wandels. Die Entwicklung von Telekommunikation und Elektronik, das industrielle Netz rund um Nokia und Investitionen in die Informationstechnologie kündigten neben der herkömmlichen Holz- und Papierwirtschaft eine neue wirtschaftliche Epoche an. Der Alltag einer industriellen Küstenstadt folgte jedoch nicht zwangsläufig demselben Rhythmus wie die nationale technologische Erfolgsgeschichte. Örtliche Fabrikschließungen gehörten genauso zum Jahr 1998 wie die Verbreitung neuer Geräte und Informationswege. Darin lag einer der Widersprüche der Zeit: Die Zukunft wurde bereits sichtbar, während vielerorts die Einrichtungen der Vergangenheit zerfielen.
Die Kleinstadtband und der ferne Hörer
Mitte der neunziger Jahre musste man weder in Helsinki noch in Stockholm leben, um zum internationalen Metal-Underground zu gehören. Pietarsaari war ein wesentlich kleinerer Ort, doch die Kontakte der Musiker endeten nicht an seiner Stadtgrenze. Der Extreme Metal hatte schon vor der massenhaften Verbreitung des Internets seine eigene Welt entwickelt, in der geografische Entfernungen überbrückt wurden. Demos, fotokopierte Fanzines, Briefe und Kassetten waren Wege, auf denen die Musik unbekannter Bands in andere Länder gelangen konnte. Kleinstadt und internationale Szene schlossen einander also keineswegs aus. Aus örtlichen Proben und Kontakten hervorgegangene Musik konnte in kleinen, langsamen Schritten Grenzen überschreiten.
Festerday ist in dieser Geschichte nicht bloß der frühere Name von …And Oceans, sondern ein Erfahrungsschatz aus einer anderen Art, Musik zu machen. Die Ende der achtziger Jahre gegründete Death-Metal-Vorläuferband lernte ihr Handwerk mit Demos und Auftritten. Timo Kontios spätere Erinnerung besagt nicht, dass der Black Metal den Death Metal von einem Tag auf den anderen abgelöst hätte. Er schilderte eher eine schöpferische Sackgasse im früheren Genre: Die Mitglieder von Festerday suchten neue Formen, während auch andere Bands der finnischen und skandinavischen Szene ihre Musik veränderten. Der Wechsel war eine persönliche Entscheidung der Musiker und zugleich Teil einer breiteren Entwicklung jener Jahre.
Eine verlässliche namentliche Liste der Pietarsaari betreffenden Veranstaltungsorte und örtlichen Konzerte von 1995 bis 1998 liegt in den verwendeten Quellen allerdings nicht vor. Es wäre falsch, die Stadt nachträglich mit unbelegten Clubs oder Auftritten zu bevölkern, von denen die Mitglieder nie berichtet haben. In einem Interview von 2020 sprach Timo von wenigen Metalveranstaltungen in der Stadt seiner damaligen Gegenwart. Daraus darf aber kein genauer Konzertkalender für die neunziger Jahre abgeleitet werden. Sicher festhalten lassen sich die Existenz einer örtlichen Musikgemeinschaft und die Arbeit von Underground-Bands, die internationale Verbindungen suchten.
Auf den finnischen Death Metal folgte keine Stille
Als …And Oceans entstand, war Extreme Metal in Finnland längst keine junge Musikrichtung mehr. Death-Metal-Bands aus der Zeit um den Jahrzehntwechsel hatten den Boden bereitet, doch Mitte der neunziger Jahre folgte die weitere Entwicklung immer weniger den Regeln einer einzigen Schule. Amorphis verbanden auf ihrem 1996 erschienenen Album Elegy die härtere Sprache des Metal mit finnischer Volksdichtung, Melodien, klarem Gesang und Keyboardarrangements. Die Platte zeigt beispielhaft, dass eine aus dem Death Metal hervorgegangene finnische Band ihre Zukunft nicht zwangsläufig in der Perfektionierung des alten Klangs suchte. Der Wandel innerhalb des Genres konnte den Aufbau der Stücke ebenso betreffen wie die Rolle des Gesangs oder kulturelle Bezüge.
Gleichzeitig gab es in Finnland ganz andere Wege. Impaled Nazarene standen Mitte der neunziger Jahre weiterhin für eine besonders rohe und angriffsfreudige Form des extremen Metal, während Thy Serpent mit Forests of Witchery von 1996 auf weit ausgreifenden, atmosphärischen Black Metal setzten. Letzteres ist für diese Geschichte besonders interessant: Das Album wurde im Juni 1996 mit Ahti Kortelainens Beteiligung in den Tico-Tico Studios in Kemi aufgenommen. Finnischer Extreme Metal konnte also zugleich roh, gegenüber volkstümlichen Einflüssen offen oder von Keyboards und melancholischen Stimmungen getragen sein. Das waren keine zwingend aufeinanderfolgenden Entwicklungsstufen, sondern parallele Entscheidungen.
Das im November 1997 erschienene Debüt Something Wild von Children of Bodom ließ eine weitere klangliche Möglichkeit hören: technisch anspruchsvolles Gitarrenspiel, schnelle und melodische Themen sowie eine auffällige Rolle der Keyboards. Diese finnische Band arbeitete in einer anderen Stadt und einem anderen Studio. Das Beispiel belegt keinen persönlichen Kontakt zu …And Oceans, sondern zeigt, dass Keyboards damals bereits in mehreren unterschiedlichen finnischen Metalsprachen zur gestaltenden Kraft werden konnten. Die Vielfalt der finnischen Szene lässt sich nicht mit dem Etikett eines einzigen „finnischen Sounds“ erledigen.
Nicht einfach dieselbe Band unter einem neuen Namen
Man könnte diese Geschichte leicht so erzählen, als hätte Festerday 1995 nur einen neuen Namen auf die Tür des Proberaums gemalt. Doch gerade dieser Vereinfachung widersprach Timo Kontio Jahre später. Er betrachtete Festerday, …And Oceans und die spätere Havoc Unit nicht als dieselbe Band unter drei verschiedenen Bezeichnungen. Gemeinsame Musiker und ineinanderlaufende Lebensgeschichten verbanden sie; dennoch sah er in ihnen unterschiedliche Gruppen. Aus der Death-Metal-Phase von Festerday trat nicht einfach eine unveränderte, vollständige Besetzung in die neue Formation über: Einige alte Weggefährten blieben, andere Musiker kamen hinzu, und mit ihnen änderte sich auch das Ziel der gemeinsamen Arbeit.
Dieser Unterschied ist wichtig, weil die erhaltenen Veröffentlichungsangaben ein genaues Bild der sechsköpfigen Debütbesetzung vermitteln, nicht aber von jedem Wechsel bei den allerersten Proben. Auf The Dynamic Gallery of Thoughts sang K-2T4-S, Neptune und de Monde spielten Gitarre, Mr. Oos Bass und Grief Schlagzeug, während Anzhaar für die Keyboards zuständig war. Die Spitznamen sind keine bloßen Fußnoten: Schon ihre eigenen Mitglieder präsentierte die Band als Figuren, die sich verwandeln ließen. Nach Kontios späterer Erinnerung konnten sich die Künstlernamen von Album zu Album ändern, ein Spiel, das häufig auf den Sänger Kena Strömsholm zurückging. Das bedeutet nicht, dass jedem Pseudonym eine durchgehend ausgearbeitete Persönlichkeit zugeordnet worden wäre. Im Gegenteil: Gerade das Fehlen von Endgültigkeit war bezeichnend.
Die Geschichte des ersten Schlagzeugers zeigt ebenfalls, wie vorsichtig spätere Besetzungslisten zu behandeln sind. Kontio erwähnte 2020 ausdrücklich, dass der ursprüngliche Schlagzeuger aus der Zeit von 1995 bis 1997 an den ersten Proben nach der Wiedervereinigung teilnahm. Er darf daher nicht ohne Weiteres mit dem auf dem Debüt unter dem Namen Grief geführten Schlagzeuger gleichgesetzt werden. Die Albumcredits bilden einen sicheren Ausgangspunkt für die Aufnahme von 1998; eine vollständige, nach Monaten aufgeschlüsselte Personalchronologie seit der Gründung 1995 lässt sich daraus nicht erschließen. Die Wirklichkeit der Geschichte wird nicht geringer, wenn wir diese Grenze respektieren.
Die beiden Erklärungen schließen sich nicht gegenseitig aus. Eine junge Band tut oft zuerst etwas und begreift erst später, warum es wichtig war. Für …And Oceans war Sprache keine Regel, sondern Material. Man konnte sie ebenso formen wie den Klang einer Gitarre oder eines Synthesizers. Ein schwedischer Satz schwang anders als ein englischer. Ein finnisches Wort fiel mit einem anderen Gewicht in die Musik. Der französische Titel schimmerte fremdartig zwischen den übrigen.
Das erste Demo Wave zeigte noch nicht jene Band, die einige Jahre später vom Cover von The Dynamic Gallery of Thoughts zurückblicken sollte. Es klang technischer, stärker nach Death Metal. Doch die Veränderung hatte bereits begonnen. An den vertrauten Formen ließ sie etwas nicht zur Ruhe kommen. Als läge jenseits der Wand schon ein anderer Raum, und es müsse nur noch herausgefunden werden, wie man die Haut der Wand durchbricht.
Kapitel II – Der Brief nach Frankreich
Der große Wendepunkt ereignete sich nicht in einem berühmten Club, sondern mit zwei Aufnahmen. Sie waren für eine Zusammenstellung einer örtlichen Musikgemeinschaft entstanden. Nach Timos späterer Erinnerung schickten sie die Stücke an Michael bei Season of Mist. Dahinter stand keine ausgeklügelte Strategie. Eine Underground-Band schickte einem Label Musik, wie es damals so viele taten. Nur kam diesmal eine Antwort.
Michael gefielen die Lieder. Er bot einen Vertrag an.
In einem Interview von 1998 erinnerte sich die Band daran, dass Season of Mist das fairste Angebot unterbreitet habe und zu den wenigen Labels gehörte, die tatsächlich Kontakt aufnahmen. Sie hatten nicht das Gefühl, mit den anderen Bands des Labels konkurrieren zu müssen. Mit beinahe überschwänglicher Begeisterung bezeichneten sie die Unterstützung als hundertzehnprozentig.
Die schöne Ironie dieser Geschichte besteht darin, dass sich die Band nach dem Vertragsangebot bis zur nächsten ernsthaften Aufnahme schon wieder verändert hatte. Mare Liberum enthielt wesentlich mehr sinfonischen Black Metal als jene beiden Stücke, die Michaels Interesse geweckt hatten. Das Label war überrascht. Noch Jahrzehnte später erinnerte sich Timo an den Kern der Reaktion: Gut, dann machen wir eben damit weiter.
Diese schlichte Zustimmung bedeutete mehr, als sie zunächst vermuten lässt. Ein anderes Label hätte die Musiker vielleicht aufgefordert, noch einmal genau die Musik zu schreiben, wegen der man sie ursprünglich unter Vertrag genommen hatte. Season of Mist dagegen ließ die Band jenem Klang folgen, der gerade in ihr entstand.
Ein neuer Platz auf Europas Landkarte
Am 1. Januar 1995 trat Finnland der Europäischen Union bei. Hinter dieser Entscheidung lagen Jahrzehnte politischer und wirtschaftlicher Veränderungen, insbesondere das Ende des Kalten Krieges. Die frühere finnische Neutralitätspolitik, die besonderen Beziehungen zur Sowjetunion und die Grenzen der Westintegration bekamen in den neunziger Jahren eine neue Bedeutung. Bei der Volksabstimmung von 1994 unterstützte die Mehrheit der finnischen Wähler den Beitritt. Präsident Martti Ahtisaari sprach im März 1995 von rund 57 Prozent Ja-Stimmen. Die Entscheidung fiel jedoch keineswegs einhellig aus; besonders in ländlichen und nördlichen Regionen gab es Vorbehalte.
Diese neue europäische Lage darf nicht mit dem konkreten Plattenvertrag der Band gleichgesetzt werden. Es wäre falsch zu behaupten, der EU-Beitritt habe die Verbindung von …And Oceans zu einem französischen Label verursacht oder unmittelbar ermöglicht. Vielmehr wandelten sich das finnische öffentliche Leben, der Handel und das internationale Selbstverständnis des Landes gerade in jener Zeit, als sich auch die Band aus lokalen Anfängen einem europäischen Publikum zuwandte. Das zeitliche Zusammentreffen ist historisch bedeutsam, einen persönlichen oder vertraglichen Zusammenhang müsste man aber gesondert nachweisen.
Trotz der neuen europäischen Einbindung zahlte man in Finnland 1998 noch nicht mit Euro. Der OECD-Bericht von 1998 nennt die finnische Mark, die Markka, als Landeswährung. Die gemeinsame europäische Währung wurde im folgenden Jahr zunächst als Buchgeld eingeführt. In diesen wenigen Jahren veränderten sich die wirtschaftlichen und institutionellen Grenzen Europas schneller, als all diese Veränderungen für den einzelnen Menschen im Alltag spürbar wurden. Die Entfernung zwischen Labels und Bands bemaß sich damals noch an Postsendungen, den Wegen physischer Tonträger, persönlichen Bekanntschaften und Zeitungsberichten. Die Einzelheiten dieser Musikindustrie sollen im nächsten Arbeitsschritt H2 behandelt werden.
In ganz Europa entstanden nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation neue Institutionen, Märkte und kulturelle Verbindungen. Der Ausbau des Binnenmarkts, die Erweiterung von 1995 und der sich in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre beschleunigende digitale Wandel bildeten den Hintergrund einer Epoche, in der es für einen Künstler aus einer finnischen Kleinstadt nicht mehr unvorstellbar war, Hörer am anderen Ende des Kontinents zu erreichen. Welchen Weg diese Band tatsächlich ging, zeigen jedoch die bereits dokumentierten Demos, versandten Aufnahmen, Entscheidungen des Labels und die erschienene Platte – nicht allein die großen historischen Entwicklungen.
Die sich weitenden Räume des Black Metal
Zwischen 1995 und 1998 begann sich der europäische Black Metal besonders sichtbar in unterschiedliche Richtungen zu entwickeln. Die Rohheit und strenge Ästhetik der frühen norwegischen zweiten Welle lebten fort. Daneben erschienen jedoch zunehmend Alben, in denen das Keyboard nicht bloß Hintergrundrauschen oder geheimnisvolle Einleitungen lieferte. Es führte Themen, wechselte Harmonien und prägte ganze Kompositionen. Das Wort „sinfonisch“ bedeutete damals keineswegs zwingend, dass ein echtes Orchester zu hören war. Häufig bezeichnete es mit Synthesizern geschaffene, an Streicher, Chöre oder Orgeln erinnernde Klangflächen; auch die Aufnahme einer kleinen Band konnte so enorme Größe vermitteln.
In Norwegen stellte Limbonic Art mit Moon in the Scorpio von 1996 weit ausgreifende Strukturen, Ambient und einen allgegenwärtigen Keyboardsound in den Vordergrund. Emperors 1997 veröffentlichtes Anthems to the Welkin at Dusk gab groß angelegten Kompositionen ein anderes Gewicht: Das dichte Kraftfeld aus Gitarren und Schlagzeug, die durchkomponierten Wendungen und die erhabene Atmosphäre waren mehr als gegenseitiger Schmuck. Dimmu Borgirs ebenfalls 1997 erschienenes Enthrone Darkness Triumphant rückte Melodik und sinfonische Monumentalität vor einem größeren internationalen Publikum ins Zentrum. Arcturus öffneten sich mit La Masquerade Infernale, gleichfalls von 1997, bereits theatralischen, avantgardistischen und kammermusikalischen Ausdrucksformen. Auf den Britischen Inseln zeigte Cradle of Filth mit Dusk... and Her Embrace von 1996 einen anderen Weg, Gothic Horror, Theatralik und Black Metal zu verbinden; das Album tauchte sogar in britischen Rock- und Metalcharts auf. Diese Bands spielten nicht dieselbe Musik und verfolgten auch nicht dieselben ästhetischen Ziele. Gemeinsam war ihnen jedoch, dass sie die Möglichkeiten des Black Metal für weit größer hielten als seine früheren, engeren Grenzen.
Das Debüt von …And Oceans kam 1998 mitten in diese Bewegung hinein. Es wäre nicht redlich, die soeben genannten Alben ohne Beleg zu unmittelbaren Einflüssen in den Köpfen der Musiker zu erklären. Dafür bräuchte man einzelne überprüfbare Aussagen von ihnen. Dennoch helfen sie, die Epoche einzuordnen. Während die Band ihre eigene, überbordende Keyboardwelt entdeckte, diskutierte die gesamte europäische Black-Metal-Szene über die Möglichkeiten ihres Genres. Atmosphäre war nicht mehr zwangsläufig ein Nebenprodukt der Verzerrung. Immer öfter wurde sie selbst zur Hauptfigur.
Marseille und die verschickte Aufnahme
Michael Berberian stand nicht an der Spitze einer altehrwürdigen, riesigen Plattenfirma, als ihn das Material von …And Oceans erreichte. In Marseille baute er Season of Mist auf, nachdem er aus der Welt der Konzertorganisation, Fanzines und des Kassettentauschs gekommen war. Nach seinem eigenen Rückblick begann das Unternehmen 1995 in einem Studentenzimmer; die erste tatsächliche Plattenveröffentlichung folgte 1996. Andere Datenbanken nennen 1996 als Gründungsjahr. Das muss kein unlösbarer Widerspruch sein: Der Beginn eines Vorhabens und seine erste dokumentierbare Veröffentlichung können in verschiedene Jahre fallen. Ein genaues institutionelles Gründungsdatum darf deshalb nicht künstlich als zweifelsfrei gesichert vereinheitlicht werden.
Berberian hatte im Umfeld von Decibel Storm an Fanzines gearbeitet, Konzerte organisiert und Kassetten getauscht. Schon die erste Veröffentlichung, Oxiplegatz' Worlds and Worlds von 1996, zeigte, dass er nicht nur nach leicht einzuordnender Musik suchte. Im frühen Katalog von Season of Mist tauchten auch norwegische und französische Underground-Acts auf, darunter Bloodthorn, Kampfar und Seth. Das Label war damals noch klein; Berberian führte es neben seinem Studium. In diesem Umfeld war eine junge finnische Band mit einem stark wechselnden Klang nicht einfach ein anonymer Bewerber bei einem Großkonzern. Ihre Eigenart konnte sogar ein Vorteil sein.
Timo Kontio berichtete später, sie hätten Michael ursprünglich zwei Stücke geschickt, die für eine Zusammenstellung der örtlichen Musikszene aufgenommen worden waren. Daraufhin sei das Angebot gekommen. In einem anderen Interview erinnerte er sich noch genauer: Das Vertragsangebot von 1997 erhielten sie per E-Mail. Gemeinsam gingen sie damals in die Wohnung des Bassisten, um die Nachricht zu lesen, denn nicht jeder hatte zu Hause einen Internetanschluss. Der Kapiteltitel „Der Brief nach Frankreich“ ist eine literarische Formulierung. Die Erinnerung belegt den Eingang des Angebots per E-Mail, nicht aber, auf welchem Weg die zwei ursprünglichen Aufnahmen verschickt wurden. Die Zeit war weder rein postalisch noch vollständig digital: Beide Welten bestanden bereits nebeneinander.
Als Berberian anschließend das wesentlich sinfonischere Mare Liberum hörte, zwang er die Band nicht zurück zum Klang der ersten beiden Stücke. Kontio erinnerte sich daran, dass das Label die neue Richtung akzeptierte. Für eine kleine Plattenfirma konnte diese Entscheidung beträchtliche künstlerische Freiheit bedeuten. 1998 veröffentlichte Season of Mist The Dynamic Gallery of Thoughts unter der Katalognummer SOM 008. Die Verbindung zum Label führte also nicht bloß zu einer Vereinbarung, sondern zu einer ganz konkreten Platte, die man in die Hand nehmen konnte.
Mare Liberum entstand im Sommer 1997. Es enthielt vier Stücke, war aber im Grunde bereits der Schatten eines halben Albums. Trollfan. September. Som öppna böcker. Uråldrig Saga Och Sång. Als die Band später die Tico-Tico Studios betrat, verschwanden diese Stücke nicht. Sie veränderten sich, fanden neue Plätze, und mit ihnen betrat die gesamte Demozeit das Studio.
Die Band wusste inzwischen, dass sie ein Album aufnehmen würde. Wie es sich anfühlen würde, ein ganzes Album fertigzustellen, wusste sie noch nicht.
Die Grenzen der Epoche und der Ort der Geschichte
Zwischen 1995 und 1998 verliefen mehrere historische Entwicklungen gleichzeitig. Pietarsaari erlebte als alte Industriestadt die Nachwirkungen der Rezession und örtliche Veränderungen. Finnland suchte nach der Überwindung der nationalen Krise seinen neuen Platz in Europa und knüpfte zugleich immer stärkere Verbindungen zur technischen Entwicklung. Die alten Trennlinien zwischen Ost und West wandelten sich; in der Öffentlichkeit bestanden herkömmliche und neue Kommunikationswege nebeneinander. Es gab nicht die eine alles bestimmende „Stimmung der neunziger Jahre“: Ein Teil der Gesellschaft erlebte bereits den Aufschwung, für andere blieb die Krise alltägliche Wirklichkeit.
Die Geschichte von …And Oceans sollte zwischen diesen Schichten verortet werden. Von der Vergangenheit und den Entscheidungen der Band erzählt der bereits vorhandene Roman auf Grundlage überlieferter Äußerungen und Veröffentlichungsdaten. Der sozialhistorische Hintergrund kann die künstlerischen Absichten nicht stellvertretend erklären. Er beseitigt vielmehr blinde Flecken: Er zeigt, dass die Kleinstadt zwei Namen und zwei lebendige Sprachtraditionen hatte, dass Finnland eine lang anhaltende Krise und erneutes Wachstum zugleich erfuhr, dass Europas Annäherung ein konkreter politischer Prozess war und dass das Studio in Kemi nicht am Anfang stand, sondern eine spätere Station bildete. Die bereits erzählte Geschichte der Lieder wird dadurch nicht mit fremdem Stoff überladen, sondern gewinnt eine wirkliche Zeit und einen wirklichen Ort, durch die die größere Welt ihrer Entstehung verständlicher wird.
Vier Stücke, in denen die Zukunft schon hörbar war
Die Demozeit war insofern besonders, als sich die Entwicklung einer Band manchmal anhand von zwei nacheinander greifbaren Kassetten verfolgen ließ. Das frühe Material Wave näherte sich der Musik von …And Oceans noch vom Death Metal her; Mare Liberum dagegen hielt bereits eine sich abzeichnende, wesentlich atmosphärischere und sinfonischere Sprache fest. Von den vier Stücken des 1997 erschienenen Mare Liberum gehörten Trollfan, September (När hjärtat blöder), Som öppna böcker und Uråldrig saga och sång später auch zur Welt des Debütalbums. Es waren nicht vier nebensächliche Versuche, die man beiseitegelegt hatte. Auf diesen Aufnahmen waren bereits mehrere Grundgedanken der Langspielplatte entstanden.
Auch das Kassettenformat selbst gehört zu dieser Geschichte. Erhaltene Sammlerangaben identifizieren Mare Liberum als Demo von Defender Productions aus dem Jahr 1997 mit der Kennung DEF 001 und rund zweiundzwanzig Minuten Spielzeit. Eine solche Kassette in den Händen zu halten bedeutete ein ganz anderes Verhältnis zur Musik, als später sofort digitalen Zugang zu einem Album zu haben. Die Aufnahme konnte weiterwandern, jemand fertigte eine Kopie an, gab einem Bekannten den Titel weiter, ein anderer las darüber in einem Fanzine. Eine konkrete Stückzahl auf einer Sammlerseite darf jedoch nicht mit einer überprüften Verkaufsstatistik gleichgesetzt werden; deshalb wird sie im Buch nicht als gesicherte Auflage genannt.
Die musikalische Bedeutung von Mare Liberum verlangt keine erneute Besprechung jedes einzelnen Stücks. Die Erzählung erklärt bereits, wie Lieder von dort auf das Debüt gelangten und wie der Vertreter von Season of Mist auf die stilistische Veränderung reagierte. Der Blick auf die Epoche liefert dazu lediglich den Schlüssel: Sich von Demo zu Demo weiterzuentwickeln war damals nichts Ungewöhnliches. Einem endgültigen künstlerischen Gesicht ging nicht immer ein genauer Plan des Labels voraus. Oft bewies erst die Aufnahme selbst, dass eine Band bereits in eine andere Richtung unterwegs war.
II. Im Studio – die Entstehung des Albums
Kapitel III – Tico-Tico
Kemi liegt weit im Norden. Der Name Tico-Tico Studios sollte später auf den Hüllen zahlloser finnischer Metalalben auftauchen. Für …And Oceans war das Studio damals jedoch noch keine Legende, sondern ein Arbeitsplatz. Ein Ort, an dem jeder Riff, jeder Schlag auf das Schlagzeug und jede Synthesizerstimme plötzlich seine endgültige Gestalt finden musste.
Auf der anderen Seite des Mischpults saß Ahti Kortelainen: Produzent, Toningenieur, Mann am Mischpult. Und die Band war jung.
Timo versuchte später nicht, diese Zeit zu verklären. Mit Festerday hatten sie bereits Demos aufgenommen, aber noch kein richtiges Album. Eine ganze Langspielplatte einzuspielen verlangte eine andere Disziplin. Gitarren mussten sorgfältig gestimmt, Passagen immer wieder abgehört werden. Man musste entscheiden, welche kleinen Unsicherheiten bleiben durften und was erneut eingespielt werden musste.
Jahrzehnte später sagte Timo, das Spiel sei nicht perfekt gewesen. Er höre Fehler. Damals habe sich längst nicht alles so leicht korrigieren lassen wie später in digitalen Studios. Doch auf dieses Eingeständnis folgte kein Anflug von Scham. Er sagte, er liebe die Platte trotzdem. Weil sie Gefühl habe.
Vielleicht ist das einer der wichtigsten Sätze, die je über dieses Album gesagt wurden.
Denn The Dynamic Gallery of Thoughts klingt tatsächlich nicht steril. Die Gitarren bewegen sich nicht mit der Genauigkeit einer technischen Zeichnung. Die Keyboards sind manchmal beinahe zu zahlreich. Stellenweise verhält sich die Musik wie die Leinwand eines jungen Malers, der noch nicht gelernt hat, wann es genug ist: Er trägt noch eine Farbe auf, zieht noch eine Linie. Gerade dadurch ist das Werk voller Bewegung.
Die Stimme von K-2T4-S kratzte an der Oberfläche. Darunter schoben sich die Gitarren von Neptune und de Monde ineinander. Der Bass von Mr. Oos verlieh allem Gewicht, Griefs Schlagzeug trieb die Musik voran, und Anzhaars Keyboards schmückten die Stücke nicht bloß aus: Sie errichteten neue Wände um sie herum.
Im Studio nahm allmählich eine achtundvierzig Minuten lange Welt Gestalt an. Acht Räume. Acht Bilder. Eine Galerie.
Kapitel IV – Trollfan
Kemi ist nicht die Heimatstadt der Band
Kemi ist weder ein anderer Name für Pietarsaari noch der Herkunftsort der Band. Die Stadt liegt deutlich weiter nördlich an der Nordküste des Bottnischen Meerbusens, nahe der Mündung des Kemijoki. Ihre Geschichte ist eine andere: das Holz der nordfinnischen Wälder, die Flößerei auf dem Fluss, Sägewerke, Zellstoff- und Papierproduktion und der Hafen. Geprägt wurde Kemi durch den Bedarf an Holzexporten und die Wirtschaft rund um den Fluss. 1991 endete auf dem Kemijoki die Ära der Holzflößerei. Das Zusammentreffen von Fluss und Meer blieb dennoch bestimmend für das Stadtbild.
Zwischen Pietarsaari und Kemi lagen also nicht nur Kilometer, sondern die Geschichten zweier verschiedener Städte, die beide ein industrielles Erbe besitzen. Die in dieser Erzählung erwähnten Tico-Tico Studios befanden sich in Kemi; auch die erhaltenen Albumcredits nennen die Stadt als Aufnahmeort von The Dynamic Gallery of Thoughts. Hier ist Kemi vor allem ein Ort, an dem gearbeitet und Musik aufgenommen wurde. Wie genau die Musiker dorthin reisten, wie lange sie blieben, wo sie schliefen oder wohin sie zwischen den Aufnahmen gingen, lässt sich aus dem verfügbaren Material nicht zuverlässig ermitteln. Solche Szenen dürfen nicht unter dem Deckmantel einer sachlichen Beschreibung hinzuerfunden werden.
Der Zusammenhang ist dennoch bedeutsam. Finnlands industrielle Küstenstädte waren zugleich Schauplätze des wirtschaftlichen Wandels und musikalischer Arbeit. Hinter der Platte, die im Studio entstand, stand kein märchenhafter Norden, sondern der Alltag wirklicher Orte. Meer, Industrie und große Entfernungen sind keine zwingenden Allegorien der Albumtexte. Gleichwohl konnte die Atmosphäre des Albums an jenen imaginären Raum anknüpfen, den Hörer mit dem finnischen Norden verbinden. Doch Deutung und belegte Biografie müssen auch hier getrennt bleiben.
Das Studio in Kemi war nicht für eine einzige Band da
Tico-Tico war keineswegs nur ein Schauplatz der Geschichte von …And Oceans. Das Studio in Kemi trat auf Plattenhüllen jener Zeit als eine der erkennbaren Werkstätten der finnischen harten Musik hervor. Besonders gut lässt sich die Arbeit des Toningenieurs Ahti Kortelainen nachvollziehen: Thy Serpent nahmen Forests of Witchery zwischen dem 3. und 18. Juni 1996 am selben Ort auf; die Originalausgabe führt Kortelainen als Toningenieur. Zwei Jahre später wirkte er an Aufnahme, Produktion und Abmischung des Debütalbums von …And Oceans mit. Damit ist weder bewiesen, dass sich die Bands begegneten oder gegenseitig beeinflussten, noch dass sie dieselben Einstellungen verwendeten. Es zeigt aber, dass das Studio Künstlern mit sehr unterschiedlichen Klangvorstellungen innerhalb der finnischen Szene einen geeigneten Arbeitsort bot.
Bei Aufnahmen aus den neunziger Jahren stellt man sich im Rückblick leicht vor, alle Möglichkeiten heutiger Software hätten bereits zur Verfügung gestanden. Tatsächlich unterschieden sich die Aufnahme- und Bearbeitungsmöglichkeiten je nach Studio und Ausstattung erheblich. Im Proberaum entwickelte Instrumentalpassagen mussten wirklich gespielt werden, das Korrigieren von Fehlern kostete Zeit und Aufmerksamkeit, und das Verhältnis der einzelnen Klänge musste bei Aufnahme und Mischung hergestellt werden. Über die genaue Zahl der Tonspuren, die Aufnahmemaschine, den Einsatz von Tonband oder digitaler Technik und die verwendeten Mikrofone liefern die vorliegenden Quellen allerdings keine verlässliche ausführliche Beschreibung. Solche Einzelheiten dürfen deshalb für diese Erzählung nicht erfunden werden.
Timo behielt auch die Fehler des frühen Albums in Erinnerung. Er machte keinen Hehl daraus, dass ihm aus heutiger Sicht nicht jede gespielte Passage vollkommen erschien; dennoch liebte er die Lebendigkeit, die auf der Aufnahme geblieben war. Die bestehende Erzählung bringt dies bereits treffend zum Ausdruck und muss nicht umgeschrieben werden. Der historische Hintergrund des Studios ergänzt nur eines: Der Klang entstand 1998 aus realen, durch Zeit und technische Mittel begrenzten gemeinsamen Entscheidungen der Musiker und des Toningenieurs – nicht aus einer Computerdatei, die sich nachträglich unbegrenzt umformen ließ.
Eine Karte für die Fantasie
Auf den ersten Blick entfaltet sich vor uns eine alte Seekarte. Kleine Flaggen, Richtungsmarkierungen, kunstvolle Windrosen und kaum entzifferbare Beschriftungen bevölkern das verblichene, gelbliche Blatt. Zwischen den Küstenlinien bleiben helle, beinahe leere Flächen, als zeige die Karte nicht nur bekannte Länder, sondern auch noch unerkundete Gebiete. Zwei lange blaue Wellenlinien ziehen sich über das Papier. Sie wirken weniger wie natürliche Bestandteile einer Landschaft als wie frei von Hand eingezeichnete Zeichen, die zugleich an Meer und Bewegung erinnern.
Über der Karte liegen Schriftstücke, die aus anderen Zeiten zu stammen scheinen. Unten breitet sich ein goldbraunes Pergament mit dichter, geschwungener Handschrift aus; links oben verlaufen dunkle Tintenlinien über einen blaugrauen Hintergrund. Die Blätter ergeben kein ordentlich sortiertes Archiv. Sie schieben sich übereinander, verdecken Einzelheiten und geben andere frei. Das Auge entdeckt immer neue Zeichen, erhält aber keinen einzigen verlässlichen Schlüssel zu ihrer Bedeutung.
Oben schwebt der Bandname in hellgrünen, geschwungenen Buchstaben; im Inneren eines der runden Zeichen sitzt eine sternartige Form. Feine Linien, Kreisbögen und Gebilde, die an Federzeichnungen erinnern, umgeben ihn. Der Kontrast zwischen dem kühlen Hintergrund und den warmen Pergamentfarben lässt das Bild zugleich fern und greifbar erscheinen. Es gibt keine führende menschliche Gestalt, kein markiertes Reiseziel, kein einzelnes dramatisches Ereignis: Wir sehen die Werkzeuge einer Entdeckung, nicht die Entdeckung selbst.
Gerade diese Offenheit passt hervorragend zur Musik von The Dynamic Gallery of Thoughts. Auch die bisweilen überbordenden Keyboards, die sich über heftigen Gitarren entfalten, und die Texte in verschiedenen Sprachen lassen übereinandergeschichtete Welten entstehen. Das Cover versucht nicht, den Klang der Platte durch Noten zu erklären. Es weckt eher die Vorstellung, jemand habe am Rand einer alten Karte eine neue Route eingezeichnet – und nun liege es am Hörer, welchen Weg er einschlägt.
III. Die acht Räume der Gedankengalerie
Das Album klopft nicht an. Trollfan öffnet einfach die Tür.
Im Text stehen brennendes Wasser und schmelzender Schnee nebeneinander. Trockener, heißer Sand, ein prächtiger Garten, Früchte, Blumen, Weinreben. Diese Bilder wollen keine wirkliche Geografie ergeben. Sie folgen eher der Logik eines Traums. In einer Hand schmilzt Schnee, während jemand brennende Wasserflächen durchquert. Der Garten ist zugleich wunderschön und beunruhigend.
Genauso klingt die Musik. Über den rasenden Bewegungen des Black Metal bringen die Keyboards keine Versöhnung. Im Gegenteil: Sie lassen den Raum noch größer werden. Das Stück stammt bereits von Mare Liberum. Die Band bewegte sich also schon vor dem ersten Album in dieser Bilderwelt.
Einige spätere Kritiker hielten es für das stärkste Stück der Platte. Das ist leicht nachzuvollziehen. Trollfan braucht noch keine Erklärung. Alles geschieht zugleich: die Schwere des alten Death Metal, die neue sinfonische Schicht, Melodie und Angriff.
Und nach diesen ersten Minuten steht der Hörer nicht mehr vor der Galerie. Er ist mittendrin.
Kapitel V – Die Haut der Wand
Der zweite Raum birgt tausend Künste.
Der Text von The Room of Thousand Arts fordert dazu auf, die Haut der Wand zu durchbrechen: hinein in eine lautlose Welt, in eine Tiefe, hin zu einem Meer ohne Wasser. Ein Gemälde entsteht, doch als fehlte der große Künstler dahinter. Das namenlose Bild wird zu einem Schiff ohne Hafen.
Schon für sich genommen sind diese Bilder seltsam, im Zusammenhang des ganzen Albums gewinnen sie jedoch noch an Kraft. Es ist fast, als spräche die Band von ihrer eigenen schöpferischen Lage, ohne sie beim Namen zu nennen. Junge Musiker dringen in einen Raum ein, dessen Regeln sie noch nicht kennen. Sie wissen nicht genau, wohin er führt. Nur, dass sich jenseits der Wand etwas verbirgt.
Die Musik ist schnell. Eine spätere Kritik nannte sie überschallschnell. Doch hinter dem Tempo herrscht keine Leere. Durch die Keyboards öffnet sich hinter jedem Schlag ein weiterer Raum. Tatsächlich wirkt dieser Saal wie ein Raum der tausend Künste: zu viele Einzelheiten, zu viel Bewegung, zu viele Farben.
Und doch funktioniert es. Vielleicht gerade deshalb, weil die Band damals noch nicht gelernt hatte, sich vor Übertreibungen zu fürchten.
Kapitel VI – Offene Bücher
Der Titel Som öppna böcker verspricht offene Bücher, doch im Text lässt sich nichts einfach ablesen. Eine schwarze Schachtel, Nägel an der Kleidung, eine ätzende Zunge, magische Lippen, einander ähnelnde Seiten. Die Stimme sagt: Deute mich, wie du willst. Dann fragt sie: Bin ich das letzte Kapitel?
Diese Frage passt beinahe unheimlich genau zu …And Oceans. Die gesamte frühe Identität der Band beruhte auf der Freiheit der Deutung. Die drei Punkte im Namen taten dasselbe. Ebenso die verschiedenen Sprachen. Ebenso die surrealen Bilder des Booklets. Sie lieferten keinen einzigen, allgemeingültigen Schlüssel.
K-2T4-S sagte 1998, die verschiedenen Sprachen gäben den Texten Tiefe und unterstützten den Fluss der Gedanken. Er wollte nicht, dass die Hörer jede Zeile auf eine einzige Lesart reduzierten. In Som öppna böcker liegt das Buch offen. Doch offen zu sein bedeutet noch lange nicht, leicht lesbar zu sein.
Unterdessen bewegt sich die Musik bereits auf vertrauten Wegen. Nach drei Stücken hat der Hörer die Regeln kennengelernt – falls es überhaupt Regeln gibt. Das Keyboard kann Melodie, Nebel, Wand oder Licht sein. Die Gitarre kann Klinge und Hintergrund zugleich sein. Aggression und Melancholie wechseln sich nicht ab; sie sind gleichzeitig gegenwärtig.
Nach den ersten drei Räumen der Galerie wird deutlich, dass dies keine Geschichte ist, die von Punkt A nach Punkt B führt. Es ist vielmehr eine Folge von Bildern, die allmählich beginnen, einander zu erklären.
Kapitel VII – Die schöne Maske
Das vierte Stück dauert acht Minuten. Schon seine Länge kündigt an, dass die Zeit hier anders verläuft.
Je te connais beau masque. Ich kenne dich, schöne Maske.
Der Text öffnet weiße Türen zu einem Feld der Gedanken. Das Licht tanzt nicht. Die Worte nehmen in der Galerie des Denkens Gestalt an. In den Räumen der Lehrer ist Wissen Macht. Hier scheint der Albumtitel in seinen eigenen Text einzutreten. Die Galerie ist nicht mehr bloß eine Metapher auf dem Cover. Sie wird zu einem Raum, in dem Gedanken zu Bildern werden, Worte zu Gegenständen und Wissen zu Kraft.
Die lange Einleitung lässt der Musik Raum zum Atmen. Ein späterer französischer Kritiker beschrieb ein beinahe unterseeisches Gefühl, bevor das Schlagzeug plötzlich die Oberfläche durchbricht. Dieser Umschwung gehört zu den klarsten dramaturgischen Momenten des Albums. Er wirkt nicht, weil er schneller wäre als alles andere, sondern weil er uns zuvor das Warten lehrt.
Das Bild der Maske bleibt indessen bestehen. Black Metal hatte immer seine Masken: Corpsepaint, Posen, Namen, Ideologien. Gerade damit spielte …And Oceans. Die Musiker benutzten sie und warfen sie wieder fort. Sie wählten sonderbare Künstlernamen und machten sich anschließend über allzu ernste Schubladen lustig. So fällt die „schöne Maske“, ob beabsichtigt oder nicht, auch auf die eigene Situation der Band zurück.
Ich kenne dich, Maske. Ich weiß, dass du eine Maske bist. Schön kannst du trotzdem sein.
Kapitel VIII – Alte Geschichte, Mikrowelt
Im Titel Mikrobotik Fields / Ur åldrig Saga och Sång treffen zwei Zeitalter aufeinander. Auf der einen Seite etwas Winziges, Maschinelles, ein futuristisches Feld. Auf der anderen eine uralte Geschichte und ein Lied.
Die Bandgeschichte stand genau in dieser Spannung. Die Death-Metal-Vergangenheit von Festerday steckte den Musikern noch in den Fingern, während die Keyboards bereits nach Klängen suchten, die über die herkömmlichen Instrumente des Metal hinauswiesen. Timo erzählte später, sowohl er als auch Kena Strömsholm hätten die Welt von Cold Meat Industry, Ambient und Projekte gemocht, die eigentümliche Atmosphären erschufen. Der spätere Schritt in Richtung Elektronik kam also nicht aus heiterem Himmel.
In diesem Stück wird ein älterer Titel von Mare Liberum in eine neue Struktur eingebettet. Die Vergangenheit verschwindet nicht, sie erhält eine andere Umgebung. Als hätte man ein altes Fresko aus einer bröckelnden Mauer geschnitten, um es anschließend in einer futuristischen Galerie aufzuhängen.
In der Mitte des Albums spürt der Hörer bereits, dass Stil für …And Oceans keine Frage der Treue ist. Man muss sich nicht zwischen uralt und modern, Metal und Ambient, Aggression und Schweben entscheiden. Beides kann im selben Raum stehen.
Ambient ist kein Nebenschauplatz
Metal-Musiker hörten in den neunziger Jahren keineswegs ausschließlich Metal. Für …And Oceans ist das besonders wichtig: Timo Kontio zufolge mochten sowohl er selbst als auch Sänger Kena Strömsholm die Musik aus dem Umfeld des schwedischen Labels Cold Meat Industry, Ambient und verwandte ungewöhnliche Klangwelten. Das ist eine tatsächliche Erinnerung eines Musikers und kein späterer Vergleich von Kritikern. Das 1987 von Roger Karmanik gegründete Umfeld von Cold Meat Industry wurde zu einer prägenden Veröffentlichungsstätte für Dark Ambient, Industrial und andere experimentelle Musik mit dunkler Atmosphäre. Brighter Death Now, raison d'être und mehrere weitere Projekte arbeiteten mit Klangfarben und Strukturen, die häufig eher eine Situation, einen Raum oder einen Seelenzustand entstehen ließen als ein herkömmliches Strophe-Refrain-Lied.
Solange Keyboards im Metal nur Windrauschen, Glockenklang oder eine kurze Einleitung beisteuern, lassen sie sich leicht als Hintergrundmusik abtun. Auf dem Debüt von …And Oceans wurden sie jedoch vielfach zu einer eigenständigen melodischen und dramaturgischen Kraft. Das braucht man nicht bei jedem Stück erneut zu erklären; die Erzählung führt den Leser ohnehin durch die Lieder. Die Erwähnung des Ambient erweitert vielmehr den schöpferischen Horizont: Zum musikalischen Alltag eines Black-Metal-Musikers konnten auch Werke gehören, in denen nicht rhythmische Attacken, sondern lang ausgehaltene Veränderungen der Klangfarbe das Geschehen tragen.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen tatsächlich belegten Einflüssen und einer späteren Entwicklung. Kontio spricht von seinem Interesse an Ambient. Damit ist aber noch nicht bewiesen, dass jede einzelne Synthesizeridee auf dem Debüt auf eine bestimmte Aufnahme von Cold Meat Industry zurückgeht. Ebenso wenig erlaubt die spätere Entwicklung der Band hin zu stärker elektronischen und industriellen Klängen, das Album von 1998 rückwirkend als Industrial Metal zu bezeichnen. Die Neugier ist bereits vorhanden; die Veränderung nach 1998 gehört in ein anderes Kapitel und eine andere Zeit.
Kapitel IX – Im Gespräch mit Gedanken
Samtal med Tankar. Ein Gespräch mit Gedanken.
Müsste man das Wesen von The Dynamic Gallery of Thoughts in einem einzigen Titel zusammenfassen, wäre es vielleicht dieser. Keine Behauptung, keine Lehre, kein Geständnis. Ein Gespräch.
Auf dem gesamten Album wirken die Texte, als würde jemand Bilder in einen dunklen Raum werfen und beobachten, welches aufleuchtet. „Halo of Words“, der Heiligenschein der Worte, führt das noch weiter. Das Wort ist nicht bloß Träger einer Bedeutung, sondern eine Lichtquelle. Um es herum erscheinen neue Bedeutungen.
Jahre später schrieb ein französischer Autor, er sei …And Oceans erstmals durch genau dieses Stück auf einer Sampler-CD begegnet. Diese kleine Geschichte zeigt, wie der Metal-Underground der neunziger Jahre funktionierte. Ein einzelnes Lied erschien auf einer Zusammenstellung. Jemand hörte es, merkte sich den Namen und suchte das Album. So zog eine ferne finnische Band in die Erinnerungen eines Hörers in einem anderen Land ein.
Innerhalb der Platte führt das Stück also ein Gespräch mit Gedanken, außerhalb findet es seine Hörer. Der Heiligenschein der Worte zeichnet allmählich wirkliche Kreise um die Band.
Kapitel X – September
Im Norden beginnt der Herbst nicht als Metapher. Zunächst verändert sich einfach das Licht. Die Sonne bleibt kürzer. Die Luft fühlt sich anders auf der Haut an. Langsam verliert die Landschaft die Farben des Sommers.
September (När hjärtat blöder). September, wenn das Herz blutet.
Der Titel ist unmittelbarer als die meisten surrealen Bilder des Albums. Man braucht keine Galerie, um ihn zu spüren. Das Stück stammt von Mare Liberum, trug diese Melancholie also schon vor der Langspielplatte in sich.
In einem Interview von 1998 beschrieb die Band die Stimmung ihrer Musik selbst als aggressiv und melancholisch. Treffender lässt sich der Platz von September kaum zusammenfassen. Die beiden Gefühle heben einander nicht auf. Das Tempo macht die Musik nicht weniger traurig, die Melancholie nimmt dem Angriff nicht die Schärfe.
Spätere Kritiker sprachen von finnischer Melancholie. Vielleicht weil die Trauer in dieser Musik nicht stehen bleibt und grübelt. Sie bewegt sich. Sie rennt. Manchmal scheint sie beinahe zu fliehen.
Und langsam geht auch der September zu Ende.
Kapitel XI – Die bleichen Hände
Kärsimyksien vaaleat kädet. Die bleichen Hände des Leidens.
Der finnische Titel beschließt das Album, als käme die Band am Ende ihrer Reise durch verschiedene Sprachen nach Hause. Nach acht Stücken fragt der Hörer nicht mehr, warum Schwedisch, Englisch, Französisch und Finnisch nebeneinanderstehen. Die Sprachen sind inzwischen ebenso Teil des Arrangements wie die Keyboards.
Das Schlussstück löst die Rätsel des Albums nicht auf. Es erklärt nicht, was die Galerie bedeutet hat. Es schließt vielmehr die Tür.
Die zeitgenössische Kritik in Chronicles of Chaos gab der Platte sieben Punkte. Sie würdigte die klare Produktion, das solide Spiel und die Keyboardmelodien, fand aber nur wenige wirklich herausragende Momente. Das ist bemerkenswert, denn gerade die Geschlossenheit ihrer Welt wurde im späteren Leben der Platte zu einer ihrer größten Stärken. Kein einzelnes Lied ragte so weit heraus, dass es die anderen hinter sich gelassen hätte. Die acht Räume blieben zusammen.
Als der letzte Ton 1998 verklungen war, konnte niemand wissen, dass Timo Kontio achtundzwanzig Jahre später noch immer in einem Tourbus in Mailand über dieses Album sprechen würde.
IV. Von der Veröffentlichung bis zum Neubeginn
Die Underground-Presse und der Briefkasten
Der Weg eines neuen Metalalbums beruhte 1998 nicht auf einem einzigen digitalen Veröffentlichungstag und den Statistiken des nächsten Morgens. Fanzines, kleine Plattenfirmen, örtliche Plattenläden, Vertriebe, Konzertveranstalter und private Korrespondenz bildeten ein verflochtenes System. Die fotokopierten Hefte, in denen Demos vorgestellt wurden, druckten nicht nur Kritiken. Sie knüpften Kontakte, gaben Adressen weiter und hielten Interviews und Briefwechsel am Leben. Eine einzige begeisterte Empfehlung konnte den Namen einer Band zu jemandem tragen, der sonst nie von Pietarsaari gehört hätte. Umgekehrt gehörten eine negative Besprechung oder eine um Monate verspätete Ausgabe ebenso selbstverständlich zu diesem langsamen Kreislauf.
Spätere Archivforschungen dokumentieren auch, wie der Tausch von Kassetten und der Postvertrieb funktionierten. Preiswert vervielfältigbare Tonkassetten, lokale Netzwerke, Paketversand, Fanzines und alternative Radiosendungen ermöglichten es Musik fernab der großen Plattenkonzerne, eigene internationale Verbreitungswege aufzubauen. Das System war nicht vollkommen: Die Tonqualität konnte mit jeder Kopie leiden, Sendungen konnten verloren gehen, und die finanziellen Mittel wie auch die Auflagen kleiner Labels waren begrenzt. Dennoch erklärt es, wie die Aufnahme einer finnischen Band mit sonderbarem Namen für einen Tausende Kilometer entfernten Hörer wichtig werden konnte.
Die E-Mail spielte in dieser Geschichte bereits 1997 eine Rolle, wie Kontios Erinnerung an das Vertragsangebot zeigt. Dadurch verschwanden aber weder Kassetten noch gedruckte Kritiken oder physische Tonträger. Gerade dieser Übergang prägte die zweite Hälfte der neunziger Jahre. Telefon, Brief, verspätet eintreffendes Pressematerial und die neu entstehenden elektronischen Möglichkeiten existierten gleichzeitig. Ein Label konnte rasch eine Nachricht verschicken, während das künftige Album noch hergestellt, verpackt und tatsächlich transportiert werden musste.
Was bedeutete eine CD im Jahr 1998?
Für ein Debüt stand in jener Zeit mehr auf dem Spiel, als ein längeres Werk noch als physischer Gegenstand veröffentlicht werden musste. Die Katalognummer SOM 008 der ursprünglichen, 1998 bei Season of Mist erschienenen CD von The Dynamic Gallery of Thoughts ist ein eindeutig zuordenbares Veröffentlichungsmerkmal. Eine Katalognummer erzählt nicht die gesamte Handelsgeschichte eines Tonträgers, belegt aber seine tatsächliche Existenz innerhalb des Veröffentlichungsprogramms eines Labels. Die bedruckte Hülle und das Booklet waren keine bloßen Verzierungen: Bandname, mehrsprachige Texte, Bildwelt, Danksagungen und Produktionsangaben bildeten gemeinsam das, was der Hörer kaufte.
Für …And Oceans waren Kassette und CD aufeinanderfolgende, sich jedoch überschneidende Stationen. Die Demokassette Mare Liberum trug 1997 noch den Klang einer Band im Werden; das Album gelangte 1998 bereits als reguläre Label-CD in den internationalen Handel. Im selben Jahr veröffentlichte Season of Mist mit War Vol. I auch eine Split-Veröffentlichung mit der norwegischen Band Bloodthorn unter der Nummer SOM 011. Sie ist ein konkretes Beispiel dafür, wie ein Label Metalbands aus zwei Ländern bewusst zusammenstellte. Aus der gemeinsamen Veröffentlichung darf man weder eine persönliche Freundschaft noch einen gemeinsamen Proberaum ableiten. Die Platte selbst beweist, dass das Vertriebsnetz des Labels geografisch weit voneinander entfernte Künstler auf einem Tonträger vereinen konnte.
Bildplatten, Vinyl und Kassetten waren in jener Zeit ebenfalls verbreitet. Wer allerdings die vollständige Editionsgeschichte gerade dieses Albums schreiben wollte, müsste jede einzelne Fassung gesondert dokumentieren. Das ist hier nicht das Ziel. Historisch entscheidend ist die Veränderung: Aus den kleinen Probeaufnahmen der jungen Band war bis 1998 ein eigenständiges, klar identifizierbares Album bei einem international tätigen Label geworden. Die Gegenständlichkeit des Tonträgers, das Booklet und die Arbeit des Vertriebs sind Teil der Musikgeschichte, keine von den Liedern losgelösten Fußnoten.
Kapitel XII – Als die Platte in die Welt hinausging
Nach ihrer Veröffentlichung gehörte The Dynamic Gallery of Thoughts nicht mehr allein der Band. Die Platte gelangte in Geschäfte, zu Fanzines, Kritikern und Hörern. Es soll eine Picture-LP gegeben haben, geplant mit fünfhundert Exemplaren und einem Poster. Auch eine Kassettenfassung existierte. Season of Mist vertrieb das Album, der Underground reichte es von Hand zu Hand weiter.
Die Kritiken sprachen keineswegs mit einer Stimme. Manche verglichen das Werk mit dem sinfonischen Black Metal, den Dimmu Borgir damals spielten. Andere fanden die Keyboards zu wuchtig, zu sonderbar, mitunter schon an der Grenze zum Kitsch. Wieder andere liebten gerade das. Das Booklet erschien dem einen hässlich, dem anderen visionär.
Die Band hielt unterdessen nicht inne, um zu entscheiden, wer recht hatte. Sie arbeitete bereits am nächsten Material. Die Veröffentlichung War geriet roher und schneller. The Symmetry of I – The Circle of O wurde nach Timos späterer Einschätzung ein ausgewogeneres Album. Auf dem Debüt hatten sie noch Verschiedenes ausprobiert; beim zweiten Werk fanden sie wirklich den Klang, den sie damals spielen wollten.
Diese Aussage ist besonders wichtig. In der eigenen Geschichte der Band war The Dynamic Gallery of Thoughts nicht zwangsläufig das endgültige Meisterwerk. Es war ein erster Schritt. Ein Versuch. Das Album einer jungen Band.
Für die Hörer funktionierte es jedoch anders.
Manche hörten …And Oceans erstmals auf Samplern. Andere begleiteten die Band schon seit Mare Liberum. Jahre später sprach Mathias Lillmåns darüber, wie stark es ihn beeindruckt hatte, dass ein solches Album aus derselben kleinen lokalen Szene hervorgehen konnte, aus der auch er stammte. Allmählich wurde die Platte nicht nur zur Vergangenheit der Band, sondern auch zum Ausgangspunkt für andere Musiker.
Kapitel XIII – Die Galerie schließt und öffnet sich wieder
Nach dem Debüt verlief die Geschichte von …And Oceans immer unvorhersehbarer. Vom sinfonischen Black Metal wandten sich die Musiker elektronischeren, industriell geprägten Richtungen zu. A.M.G.O.D. und Cypher errichteten andere Welten. Wer The Dynamic Gallery of Thoughts für den Beginn einer festen Formel gehalten hatte, merkte bald, dass es eher eine einzelne Station gewesen war.
Dann verschwand der Name für eine Weile.
Die Musiker spielten in anderen Projekten. Auch Festerday kehrte zurück. Unterdessen verrichtete die Zeit eine merkwürdige Arbeit an den alten Platten. Was bei der Veröffentlichung noch übertrieben, unausgereift oder seltsam gewirkt hatte, wurde zu ihrem Charakter. Der Keyboardsound wurde unverwechselbar, die Mehrsprachigkeit zur Tradition, die surreale Bildwelt zur Erinnerung.
Als …And Oceans wieder zusammenfanden, war die frühe Zeit keine Last mehr. Man konnte sie wieder öffnen.
Season of Mist legte das Album neu auf. Neue Hörer entdeckten es, alte holten es wieder hervor. Die Stücke, die junge Musiker einst in einem Studio in Kemi aufgenommen hatten, erklangen nun auf neuen Anlagen und digitalen Plattformen, in einer Welt, die sie sich 1998 kaum hätten vorstellen können.
Timo versuchte dabei nicht, die Vergangenheit umzuschreiben.
Die Fehler seien da, sagte er sinngemäß. Aber das Gefühl eben auch.
Und wenn er zwischen beidem wählen müsse, entscheide er sich für das Gefühl.
Eine Szene, der sie nicht gleichen mussten
…And Oceans trat 1998 ausgerechnet in jene Welt, in der gern genau festgelegt wurde, was als wahrer Black Metal gelten durfte und was seine Grenzen überschritt. Doch die Alben der vorangegangenen Jahre hatten bereits gezeigt, wie überbordende Keyboards, aus der klassischen Musik vertraute Proportionen, experimentelle Klänge, folkloristische Anklänge oder elektronische Atmosphären den extremen Metal in ganz verschiedene Richtungen lenken konnten. Dieselbe Epoche brachte die Rohheit von Impaled Nazarene, die melodische Wandlung von Amorphis, die düstereren Klanggebäude von Thy Serpent und die theatralische Eigenart von Arcturus hervor. Es gab keinen einzigen, verbindlichen stilistischen Endpunkt.
Der Wert von The Dynamic Gallery of Thoughts hängt deshalb nicht davon ab, ob sich eine ältere, ähnlich klingende Platte benennen lässt. Die künstlerische Eigenart zeigt sich vielmehr darin, wie Disziplin und Angriffslust aus dem Death Metal, mehrsprachige poetische Bilder, stets in den Vordergrund drängende Keyboards und das unverwechselbare Gesicht der Band zu einem einzigen frühen Album zusammenfinden. Das belegte zeitgeschichtliche Umfeld hilft, den Moment der Veröffentlichung zu verstehen, ersetzt aber weder die Musik noch jene Musiker, die tatsächlich über sie entschieden haben.
So führt die Geschichte des Debüts von einer Stadt zu Demoaufnahmen, von dort in ein Studio und zu einem jungen französischen Label. Unterwegs öffnet sich dahinter die Landkarte des europäischen Undergrounds. All das überhöht die Bedeutung der Band nicht und löst sie ebenso wenig in einem einzigen Epochenbegriff auf. Es zeigt lediglich genauer, wie viele Wege sich in jenem Jahr kreuzten, in dem die Galerie zum ersten Mal ihre Tore öffnete.
Zwei Gesichter der Band in einem einzigen Jahr
Das Debüt zeigte 1998 auf acht Stücken, zu welchem Klang …And Oceans gefunden hatte. Noch im selben Jahr erschien ein ganz anderes Zeugnis: War Series Vol. I von Season of Mist, eine gemeinsame Veröffentlichung mit der norwegischen Band Bloodthorn. Im Labelverzeichnis wird sie unter dem 1. August und der Katalognummer SOM011 geführt. Auf der Seite von …And Oceans standen neben zwei eigenen Kompositionen – …Ja Kylmä Vesi Nuolee Oksaa und 100 Meters Final [Accelerate] – zwei Coverversionen: Flesh von GGFH sowie Breed the Evil Inside von Bloodthorn. Bloodthorn wiederum spielte Kärsimyksien vaaleat kädet von …And Oceans nach. Es wurden also nicht bloß zufällig zwei Namen nebeneinandergedruckt: Beide Bands nahmen mit konkreten Liedern das Repertoire der jeweils anderen in ihre Arbeit auf.
War ersetzte The Dynamic Gallery of Thoughts damit nicht und wurde auch nicht zu dessen zweiter Fassung. Die Veröffentlichung trat im selben Jahr neben das noch frische Debüt. Wer nur die acht Albumstücke kennt, hat einen Teil der Arbeit der Band von 1998 noch nicht gehört. Die Coverversionen und neuen Eigenkompositionen halten eine Gruppe fest, die nicht erst bis zum nächsten Album warten musste, um andere Richtungen auszuprobieren. Die zeitliche Abfolge der beiden Veröffentlichungen lässt sich durch Labelunterlagen belegen; erfundene Gespräche im Studio oder unbelegte Meinungen der Beteiligten übereinander können diese Belege nicht ersetzen.
Das zweite Album: andere Besetzung, andere Maßstäbe
The Symmetry of I – The Circle of O von 1999 war für die Band eine rasche Fortsetzung, für die Hörer jedoch keine bloße Wiederholung. Einige Fassungen der ursprünglichen Veröffentlichung enthielten zusätzlich zum Hauptalbum einen zweiten Tonträger mit experimenteller Musik. Nach Kontios Interview von 2026 war diese ambientartige Ergänzung keineswegs Teil eines zuvor festgelegten großen Plans: Sie nutzten die verbliebene Studiozeit, um Klänge, Fragmente aus dem Radio und verschiedene Ideen auszuprobieren. Zwischen den geplanten Liedern des Albums und einem Material, das als Nebenweg der Aufnahmesitzungen entstand, besteht ein wichtiger Unterschied. Auch das damalige Cover und die verschiedenen Ausgaben erzählen davon, wie unterschiedlich Hörer derselben Albumbezeichnung begegnen konnten.
Nach dem Debüt veränderte sich auch die Besetzung. Späteren Erinnerungen und Diskografien zufolge wurde Bassist Mr. Oos in der folgenden Phase durch Mika Aalto ersetzt, der auch unter dem Namen Gaunt bekannt ist. Wegen des Systems wechselnder Künstlernamen lassen sich Personen und Pseudonyme hier besonders leicht verwechseln. Einen Besetzungswechsel, für den nur eine ungefähre zeitliche Einordnung erhalten ist, auf den Tag genau zu datieren, wäre deshalb falsch. Entscheidend ist, dass die sechsköpfige Formation von 1998 kein unbewegliches Standbild war: Das nächste Album entstand bereits mit einer Gruppe, die sich weiterentwickelte.
1999 ging die Band erstmals mit Bloodthorn und Agressor auf Europatournee. Das wissen wir nicht erst aus späteren Erinnerungen von Fans: Kontio selbst nannte diese Reise in einem Interview von 2023 eines seiner prägenden Erlebnisse. Das Jahr und die beiden Begleitbands lassen sich belegen; dieselbe Aussage stützt jedoch keine vollständige Liste sämtlicher Städte und Clubs. Die Bedeutung dieser ersten Europareise bleibt dennoch klar. Aus einer finnischen Band, die wenige Jahre zuvor noch Aufnahmen an Labels verschickt hatte, war ein Konzertensemble geworden, das zwischen Ländern unterwegs war.
Nach den sinfonischen Alben verschwanden sie nicht
Die nächste große Wendung entstand nicht aus Untätigkeit, sondern aus einem neuen Vertrag und einer anderen Arbeitsweise. …And Oceans wechselte zu Century Media. In einem zeitgenössischen Interview, das Chronicles of Chaos im Dezember 2000 veröffentlichte, berichtete Kena Strömsholm, man habe mehreren Labels Promotionmaterial zugesandt und von verschiedenen Seiten Interesse erhalten. Schließlich sei die Zusammenarbeit mit Century Media als sinnvollster Schritt erschienen. Damals arbeiteten sie noch am neuen Material; die Rede war von den Vorbereitungen für die nächste Platte und möglichen künftigen Tourneen. Gerade deshalb ist dieser Bericht so wertvoll: Er formt nicht rückblickend aus abgeschlossenen Ereignissen eine glatte Geschichte, sondern zeigt, wie vieles noch offen war.
A.M.G.O.D. erschien 2001, Cypher 2002. Keines dieser Werke lässt sich mit dem alten Bild vom sinfonischen Black Metal der Band unverändert beschreiben. Für das Album von 2001 arbeitete die Gruppe auch im schwedischen Abyss-Studio; Kontio hob später die Toningenieursarbeit von Tommy Tägtgren hervor. Zur Zeit von Cypher war de Monde, also Teemu Saari, vorübergehend ausgestiegen, während Petri Seikkula als Gitarrist und Komponist eine wichtigere Rolle übernahm. Kontio zufolge schrieb Seikkula viele musikalische Themen für Cypher, er selbst deutlich weniger. Der veränderte Klang lässt sich somit nicht allein durch äußere musikalische Moden erklären: Auch die Mitwirkenden und die Gewichte innerhalb des Songwritings verschoben sich.
Auch als Liveband machte …And Oceans einen Schritt nach vorn. Zeitgenössische Meldungen zur Konzertreihe No Mercy von 2001 nannten die Gruppe ausdrücklich neben Marduk, Vader, Mortician und weiteren Bands. Die erste Europatournee 1999 und die große Tournee mit mehreren Gruppen 2001 waren zwei verschiedene Ereignisse; man darf sie nicht miteinander verwechseln. Dazwischen hatte sich nicht nur die Musik, sondern auch die berufliche Situation der Band verändert: Die bei einem kleinen Label gestartete Formation wurde zeitweise Teil eines wesentlich größeren internationalen Konzertbetriebs.
Die Pause des Namens und die Rückkehr waren nicht dasselbe
In den Jahren nach Cypher geriet der Schwung ins Stocken. Kontio erinnerte sich später daran, dass ein Teil der geplanten Tourneen scheiterte; das für 2003 vorgesehene Konzertprogramm kam nicht zustande, und einige der letzten Auftritte spielten sie Anfang 2005 in Finnland. Die Entscheidung, nicht mehr als Band zu bestehen, fiel nicht über Nacht. Gleichzeitig entstand neue Musik, die sich zunehmend von dem entfernte, was die Musiker noch unter dem Namen …And Oceans vertreten wollten. Auch die Zusammenarbeit mit Century Media endete. Der Namenswechsel von 2005 hatte daher einen schöpferischen Sinn: Die neue Richtung eröffnete Raum für eine andere Band, Havoc Unit. Nicht weil jemand das Album von 1998 vergessen wollte, bekam die Fortsetzung einen neuen Namen, sondern weil die zusammenarbeitenden Musiker anders bestimmten, was sie machen wollten.
Havoc Unit veröffentlichten 2008 mit h.IV+ (Hoarse Industrial Viremia) ihr einziges Studioalbum. Nach Kontios späterer Darstellung führten nur einige ehemalige Mitglieder von …And Oceans dieses Projekt fort; in den folgenden Jahren erwies es sich auch als schwierig, eine vollständige und dauerhafte Livebesetzung aufrechtzuerhalten. Unterdessen ging die Musik anderswo und unter anderen Namen weiter. Kontio nahm Alben mit Magenta Harvest auf, und Festerday fanden 2013 erneut zusammen. All das beweist jedoch keinen geheimen, ununterbrochenen Fortbestand von …And Oceans. Präziser ausgedrückt liefen im Leben derselben Musiker mehrere unterschiedliche Bandgeschichten nebeneinander weiter.
Ende 2017 nahm die Geschichte eine neue Wendung. Um Weihnachten begannen Kontio und seine Mitstreiter in Pietarsaari wieder gemeinsam zu proben. Sie veröffentlichten eine Probeaufnahme, auf die die finnische Musikpresse bald aufmerksam wurde. Zunächst bestätigte sich die Rückkehr nicht durch ein neues Album, sondern dadurch, dass sie ihre alten Stücke wieder spielten und erneut auftraten. Nach dem Erfolg der Konzerte von 2018 gewann der Gedanke an Gewicht, …And Oceans solle mehr sein als eine frühere Band, die gelegentlich alte Lieder ausgräbt. Kontio zufolge stand vor der Entscheidung auch die Frage, ob sie überhaupt neues Material schreiben konnten, das sie des Namens für würdig hielten.
Die Antwort kam 2020 mit Cosmic World Mother, erneut bei Season of Mist. Dieses Studioalbum entstand nicht mehr mit dem Sänger von The Dynamic Gallery of Thoughts: Den Gesang übernahm Mathias Lillmåns. Kontio erklärte 2020, man habe Lillmåns' Fähigkeiten aus früherer gemeinsamer Arbeit gekannt und deshalb rasch zusammenfinden können, als die Band einen neuen Sänger brauchte. Einzelheiten zu den persönlichen Gründen der Trennung wollte er in Interviews nicht erläutern. Auch diese Erzählung muss diese Grenze respektieren.
Mit As in Gardens, So in Tombs (2023) und The Regeneration Itinerary (2025) wurde die Fortsetzung endgültig greifbar. Diese Titel sind nicht wichtig, weil man in das Album von 1998 eine schicksalhafte Vorhersage hineinlesen sollte. Im Gegenteil: Das erste Album lebt unterschiedlich weiter, je nachdem, aus welcher Epoche man darauf zurückblickt. Noch 2026 sprach Kontio von einer jugendlichen Aufnahme, die er trotz ihrer Fehler liebte, ohne die neueren Alben deshalb als bloße Wiederholung der alten Lieder anzusehen. Die erste Fassung der Galerie ist somit kein nachträglich erreichter Endpunkt, sondern der bewahrte Anfang einer langen, von Unterbrechungen geprägten Laufbahn.
Was hinter dem Cover weiterlebte
Der verlässlichste Ausgangspunkt der Veröffentlichungsgeschichte von The Dynamic Gallery of Thoughts ist die 1998 bei Season of Mist erschienene CD mit der Kennung SOM 008. Zu diesem Album mit acht Stücken gehören das in diesem Buch bereits besprochene Cover und die damalige Bandbesetzung. Im offiziellen Katalog des Labels steht der 1. Januar als Veröffentlichungsdatum. Allein dieses Datenfeld beweist jedoch nicht, dass die Platte in jedem Land genau an diesem Tag im Handel lag. Deshalb empfiehlt es sich, bei der zuverlässig feststellbaren Jahreszahl 1998 zu bleiben und eine vermeintlich taggenaue Datierung zu vermeiden.
In jener Zeit konnte man dem Album nicht nur auf CD begegnen. Eine polnische Kassettenausgabe von Mystic Production wird in einschlägigen Diskografien als Veröffentlichung von 1998 unter der Katalognummer 122 geführt; demnach erschien sie mit Genehmigung von Season of Mist. Diese dokumentierte Fassung hilft, die kurze Erwähnung der Kassette weiter oben einzuordnen: Gemeint ist nicht bloß irgendeine von vielen denkbaren Fan-Kopien, sondern eine konkret identifizierbare Lizenzausgabe. Ein solcher Verzeichniseintrag ist allerdings keine Verkaufsstatistik; wie weit die Kassette tatsächlich verbreitet war, lässt sich daraus nicht sicher ableiten.
Eine weitere offizielle CD-Fassung erschien 2021 unter der Kennung SOM008R. Die amerikanische Produktseite von Season of Mist nennt den 15. Januar, einige Vertriebsverzeichnisse dagegen den 5. Februar. Der gesicherte gemeinsame Nenner ist damit die Neuauflage von 2021; der genaue Verkaufstag muss anhand der Vertriebsangaben des jeweiligen Landes beurteilt werden. Die neue CD enthält ein zwanzigseitiges Booklet und vier Bonustitel: die Aufnahmen von …And Oceans aus der gemeinsamen Veröffentlichung War Vol. I von 1998. Die Neuauflage bot also nicht etwa eine neue Studioeinspielung des alten Albums, sondern ergänzte das Debüt um einen kurzen weiteren Abschnitt aus derselben Zeit.
Ebenfalls 2021 erschien bei Those Opposed Records unter der Kennung TOR 104 eine von Season of Mist lizenzierte Vinylausgabe. Ein detaillierter Sammlereintrag spricht von 500 Exemplaren in drei Farbvarianten: einhundert schwarzen, zweihundert blauen und zweihundert blauen Platten auf transparentem Grund. Diese Angaben betreffen eine eindeutig bestimmte spätere Veröffentlichung; sie lassen sich nicht ohne Weiteres mit der früheren, angeblich ebenfalls auf fünfhundert Exemplare begrenzten Picture-LP der Erzählung gleichsetzen. Bei einem Tonträger, dessen Label und Erscheinungsjahr sich nicht ähnlich zuverlässig bestätigen lassen, darf man die Daten einer anderen Ausgabe nicht unbemerkt übernehmen.
Letztlich liegt die Bedeutung der Neuauflagen nicht in der Zahl der Tonträgerformate. 1998 legte die Band ihr erstes vollständiges Album vor und entwickelte sich anschließend weiter. Jahrzehnte später trat dieselbe Musik mit einer neuen Katalognummer, anderer Verpackung und zusätzlichen Stücken wieder vor die Hörer. Unterdessen schrieben die Beteiligten neue Werke, verschwanden hinter dem Namen …And Oceans und kehrten schließlich zu ihm zurück. Die acht ursprünglichen Stücke änderten sich dadurch nicht. Nur die Geschichte um sie herum wurde länger.
V. Epilog
Epilog – Die Galerie der Gedanken
Ein Album lässt sich leicht in Daten zerlegen. Acht Stücke. Achtundvierzig Minuten und einunddreißig Sekunden. Season of Mist. SOM 008. Tico-Tico Studios. Ahti Kortelainen. Sechs Musiker.
Doch aus all diesen Angaben ist noch kein einziger Ton zu hören.
Nicht der Proberaum von Festerday. Nicht der Brief, der Season of Mist erreichte. Nicht Michaels Überraschung, als das nächste Demo plötzlich eine völlig andere Band erkennen ließ. Nicht die Unsicherheit des jungen Gitarristen im Studio. Nicht der erste Kritiker, der eine Sieben ans Ende seiner Besprechung setzte. Nicht der französische Hörer, der durch einen Sampler auf das Album aufmerksam wurde und es daraufhin suchte. Nicht der spätere Sänger, der die Platte zwanzig Jahre zuvor noch als Fan gehört hatte.
Auch die Bilder der Texte sind nicht zu hören: brennendes Wasser, Schnee, der in einer Hand schmilzt, die Haut der Wand, ein Meer ohne Wasser, offene Bücher, weiße Türen, ein Feld der Gedanken, der Heiligenschein der Worte, ein blutender September und die bleichen Hände des Leidens.
Erst all das zusammen macht diese Platte zu dem, was sie ist.
The Dynamic Gallery of Thoughts ist nicht deshalb geblieben, weil es vollkommen gewesen wäre. Vielleicht ist es gerade deshalb geblieben, weil es das nicht war. Weil man die Suche hört. Jenen Augenblick, in dem eine Band noch nicht genau weiß, was aus ihr werden soll, und deshalb alles zugleich ausprobiert, was sie interessiert.
An den Wänden der Galerie hängen einige Bilder schief. Manche Farben sind zu kräftig. In einem Raum geschieht zu viel. In einem anderen fällt das Licht auf seltsame Weise.
Doch wenn man hinausgeht, bleibt sie in Erinnerung.
Und in gewisser Weise war genau das der Sinn der Sache.
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